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2435 Taler 23 Groschen 10 Pfennige eingenommen. Das Darben, das er als Knabe und noch mehr als Student gelernt hatte, setzte er noch ein volles Vierteljahrhundert fort; es kam einmal vor, daß er seinem Wirte ¾ Jahr lang den Hauszins schuldig bleiben mußte. Die Familien, in denen er Unterricht erteilte und mit denen er auch gesellig verkehrte, gehörten durchgängig dem kleinen Bürger- und Beamtenstande an. Einer seiner nächsten Freunde war der Armenschullehrer Nieritz, dessen Frau er unterrichtet hatte; der Sohn, der bekannte treffliche Volksschriftsteller Gustav Nieritz, erzählt in seiner Selbstbiographie, daß er sich unter dem Bilde Schreyers immer den frommen Gellert vorgestellt habe[1].

Schreyer gab sich während seiner Kandidatenjahre einer ausgebreiteten, wenn auch nicht sehr tiefgreifenden wissenschaftlichen Tätigkeit hin. Den Inspektor beim Naturalienkabinett Chr. G. Pötzsch unterstützte er bei der Bearbeitung seiner Geschichte der Elbwasserfluten durch Anfertigung von Auszügen aus Büchern und Akten. Im Druck erschienen von ihm ein Vollständiges Kommunionbuch (Halle 1779), ein Rechenbuch für Schulen und den Hausstand (Dresden 1783), das die erste Anleitung zum Kopfrechnen enthielt, eine Leseschule für Kinder (im Selbstverlag), eine Geschichte Jesu und seiner Lehre (Leipzig 1784), eine Katechetische Erklärung der jährlichen Evangelien (Dresden 1784–1785), eine Übersetzung von Joseph Buttlers Übereinstimmung der natürlichen und geoffenbarten Religion (Leipzig 1787), eine Kurze Einleitung in die christliche Glaubens- und Sittenlehre (Leipzig 1789), endlich eine Schrift Über den Wert der neuen Propheten (Pirna 1799), gerichtet gegen des Superintendenten Typke in Dobrilugk Schrift: Welche Zeit ist es im Reiche Gottes? Zahlreiche von ihm entworfene Schriften über theologische, pädagogische und historische Gegenstände gelangten nicht zum Druck, darunter mehrere über den Meißner Brückenbau. Viele kleinere Aufsätze hat er für Zeitungen, besonders die „Dresdner Anzeigen“ geschrieben.

Daneben fand er reichlich Gelegenheit, sich im Predigen zu üben. Für die Landpfarrer in der Umgebung Dresdens hat er oft gepredigt, so für seinen ehemaligen Lehrer Hennig, der Pfarrer in Loschwitz und von schwacher Gesundheit war, in den Jahren 1777–1783 allein 70 mal. Ebenso bestieg er vertretungsweise in Dresden häufig die Kanzel, namentlich in der Sophien-, Annen- und Lazarethkirche. Er berechnet die von ihm als Kandidat gehaltenen Predigten auf nicht weniger als 214.

Außerordentlich umfangreich war seine Betätigung auf dem Gebiete der Musik. Ohne irgendwelchen musikalischen Unterricht, abgesehen von den Singestunden des angehenden Chorschülers, genossen zu haben und ohne ein Instrument spielen zu können, begann er schon als Annenschüler zu komponieren. Er hat nach seiner eignen Aufzeichnung gegen 100 Klavierstücke (wovon sechs Sonaten bei Hilscher gedruckt erschienen), 100 geistliche Lieder, 50 Kinderlieder, 150 vermischte Lieder, 54 geistliche Oden und Lieder von Gellert, sowie eine Anzahl Kantaten komponiert. Ferner fertigte er Klavierauszüge von Grauns Oratorium Tod Jesu, von Naumanns Oper Cora und von Mozarts Zauberflöte; für diese dichtete er zu zwölf Gesängen neue Texte, von denen man damals meinte, daß sie stellenweise Mozarts Komposition noch angemessener seien als seine Noten dem Originaltexte. Mit Orchester komponierte er 28 Chöre, Hymnen und Kantaten, schließlich auch ein ganzes Oratorium. Ein Zeitgenosse[2] urteilt, Schreyers musikalische Arbeiten seien, ohne tiefe Kunst zu verraten, fließend methodisch und gut ins Gehör fallend. Von diesen massenhaften Kompositionen, die er den ihm befreundeten Kantoren stets ohne jedes Entgelt zur Aufführung überließ, haben wohl nur wenige ihren Urheber lange überdauert. Immerhin hat er sich als Komponist einen Namen gemacht[3].

Schreyer teilte das Schicksal der meisten damaligen Predigtamtskandidaten und erlangte eine „Versorgung“ – so nannte man die ersehnte Pfarrstelle – erst in sehr vorgerücktem Alter. Fast 25 Jahre lang hatte er sich unzählige Male beworben, immer vergeblich, bis er es satt hatte, auf die Laufbahn zu verzichten beschloß, seinen Geistlichenanzug verkaufte und lebensmüde anfing, etwas Geld zu seinem Begräbnis zurückzulegen. Da wurde ihm endlich im Alter von 50 Jahren die Pfarrstelle zu Ortrand angeboten, er nahm sie auf des Oberhofpredigers D. Reinhard Zureden[4] an und hielt am

Anmerkungen

  1. G. Nieritz, Selbstbiographie, Leipzig 1872, S. 31.
  2. J. G. A. Kläbe, Neuestes gelehrtes Dresden, Leipzig 1796, S. 149.
  3. Vgl. Riemann, Musiklexikon, 5. Aufl., Leipzig 1900, S. 1018.
  4. Er berichtet eingehend über den Besuch, den er bei diesem Anlasse dem Oberhofprediger D. Reinhard am 16. November 1800 machte, und erzählt darüber u. a. folgendes: . . . Gegen 7 Uhr trat der Bediente ein, ohne ein Wort zu sagen, den er mit dem kurzen: Es ist gut! abfertigte. Itzt faßte er meine Hand und sagte: Er mache, kurz und gut, es mir zur Gewissenssache, den geistlichen Stand nicht zu verlassen, da ich desselben fähig und würdig mich gezeigt habe. Ich solle wiederkommen, er gäbe mir sein Wort, daß ich bei der ersten Gelegenheit versorgt werden solle, wenn es auch, der Form gemäß, nicht die ganz erste sein könne, doch gewiß die nächste. „Allein mit der Bedingung – setzte er hinzu – erwähnen Sie des Vergangenen nicht und wir werden auch nichts erwähnen.“ Gerührt drückte ich ihm die Hand und versprach, seinem Rate zu folgen. So stunden wir auf; beim Eintritte ins Wohnzimmer fanden wir den Tisch mit vier Couverts gedeckt. „Sie bleiben da und essen eine Suppe mit uns.“ Sein Famulus war der vierte Tischgast.
    So human er im Kabinett sich gegen mich benommen hatte, so gesprächig und herzlich, ja selbst heiter und spaßhaft benahm er sich bei Tische. Er erwähnte gegen seine Gemahlin, daß wir Zeitgenossen in Wittenberg, beide „arme Schlucker“ gewesen wären und im Konvikte an Einem Tische gespeist hätten. „Ach – fuhr er fort – war nicht ein kleiner Zwist einmal zwischen uns? Erzählen Sie es doch meiner Frau.“ Ich war verlegen; der verpfuschten Tischrechnung konnte ich nicht gedenken, dafür erwähnte ich die Geschichte mit den Kaldaunen, worüber er recht herzlich lachte und sagte: „Ja, ja, so war es“. Unter andern fragte er nach meiner Wohnung; als ich deren Lage (in Fischersdorf) ihm angab, sagte er: „Ei, da sind wir ja wohl im Sommer recht nahe Nachbarn“? Ich versicherte, daß ich aus meinen Fenstern sein Gartenhaus sehen könne und wir beide Einen Nachtwächter hätten, über dessen Gesang er ebenfalls sich lustig machte. Als nach dem Aufstehen vom Tische ich mich empfehlen wollte, sprach er: „Nein, Sie bleiben noch“, und sprach ambulierend noch mancherlei mit uns beiden, empfahl zu Erleichterung des Memorierens das möglichst enge Konzipieren, holte zur Probe eine Hand voll seiner Predigtkonzepte, welche sämtlich auf feines Papier sehr kompreß auf höchstens sieben Quartseiten in gespaltenen Kolumnen geschrieben waren. Halb 10 Uhr hatte ich Erlaubnis, Abschied zu nehmen.
    Unvergeßlich bleibt mir dieser merkwürdige Abend, sowohl in Ansehung D. Reinhards, den ich hier in vita privata ganz anders fand, als ich weder vor- noch nachher in vita publica ihn nie gefunden habe, als auch in Ansehung der Folgen desselben für mich. Redlicher als Tittmann hielt er sein Versprechen, und nach nicht länger als acht Wochen war, hauptsächlich durch seine Vermittelung, mein künftiges Schicksal durch die Designation nach Ortrand zu meinem Besten entschieden.
Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 4 (1905 bis 1908). Wilhelm Baensch Dresden, Dresden 1905 bis 1908, Seite 155. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_Vierter_Band.pdf/160&oldid=- (Version vom 19.1.2025)