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groß zu tun und wagte es, zu Anfange des Jahres 1760, zwei Aufsätze proprio ex Koppo zu fabrizieren, die künftig meine Predigten vorstellen sollten. . . . . .
Ein Chorschüler zu werden, war schon längst mein sehnlichster Wunsch gewesen, war das höchste Ziel, wonach ich damals strebte. Das Herz im Leibe lachte mir, wenn ich eines von den Dresdner Chören irgendwo singen hörte, und ich wäre ihnen gern ganze Gassen nachgelaufen, um meine Ohren nicht nur, sondern auch meine Augen an ihnen zu weiden. Der schwarze Rock und Mantel mit der damals üblichen Stutzperücke, der geistlichen Uniform so nahe verwandt, schien mir so etwas Ehrwürdiges, Religiöses zu haben, welches ganz mit meiner angewöhnten Stimmung harmonierte. Herrn Meinelts Urteil über meine Stimme und Singfähigkeit hatte ich mir gut gemerkt und ich traute mir selbst zu, daß er recht habe. An Anlage zu musikalischem Gehör und Gefühl fehlte mir es auch in der Tat nicht. Eine Menge der damals üblichen Chorarien faßte ich, bloß durch das mehrmalige Hören, melodisch richtig und taktmäßig ins Gedächtnis und bemerkte das von andern unrichtig Aufgefaßte. Manche Passagen befriedigten mein Ohr so sehr, daß ich sie zu repetieren nicht satt werden konnte. Verstund ich gleich nicht, warum mich etwas dergleichen mehr affizierte, so fühlte ich es doch, und dieses Selbstgefühl hat in der Folge sehr oft den Unterricht bei mir ersetzt.
Weniger profitierte ich durch die Chorschüler im Choralgesange, da im gewöhnlichen Kurrendesingen die Lieder zu eilfertig, mehr gedroschen als gesungen wurden und dieserwegen nicht gut ins Gehör fielen. Sogenannte Ansingen[1], wo der Choral auf kirchliche Weise behandelt wurde, hatte ich zu hören nur selten Gelegenheit. Desto richtiger faßte ich dagegen die Oberstimme der Melodien bei den öfteren Besuchen der Gottesdienste. Die häuslichen Abendbetstunden trugen auch nicht wenig hierzu bei, da mein Vater, gleich wie sein Bruder Gottfried, ein tonfester Sänger war, welches beide ihrem alten Schulmeister verdankten. Noch mehr wirkte die Liedersingstunde in der Armenschule. Der Choralist, der sie uns gab, sollte eigentlich zuvor bei der Betstunde den Vorsänger machen. Da er jedoch nur selten prompt 2 Uhr da sein konnte, erdreistete ich mich einigemal, selbst das erste Lied anzufangen, welches vorher nur selten einer von uns gewagt hatte. Da mein Kantorvikariat ohne Fehler ablief, kam unser Choralist nachher gewöhnlich nur erst gegen das Ende der Betstunde und bald versuchten mehrere, es mir nachzutun. Sonach dünkte ich mich hinlänglich fähig, einen tüchtigen Chorsänger vorzustellen. Was ich sonst noch dazu bedurfte, was dabei sonst noch zu lernen, zu wissen, zu beobachten, ja selbst auch zu dulden nötig war, davon hatte ich freilich damals weder Begriff noch Ahnung.
Mein Vater hatte anfangs gegen meine Neigung, Chorschüler zu werden, manche Bedenklichkeiten, und die Stiefmutter nicht weniger; beide jedoch aus verschiedenen Ansichten. Sie ihrerseits besorgte, ihren fleißigen Mitarbeiter dadurch zu verlieren, der ich doch nicht immer bleiben konnte, er dagegen hatte wiederum andere Gründe. Das gewöhnliche Resultat derselben, wenn ich meine Wünsche gegen ihn äußerte, fiel immer dahin aus: „Das können wir nicht ausführen; das kostet uns mehr, als Du dabei verdienen kannst; Du bist auch zu schwach dazu.“ Das letztere schien ihm nicht nur selbst sehr wahrscheinlich, besonders wegen meiner Engbrüstigkeit und mehrmaligen Keuchhustens, sondern es bestärkten ihn auch einige Wachkameraden, welche geäußert hatten: den Strapazen eines Chorschülers mich auszusetzen, sei nicht viel geringer, als ob er mich mit eigener Hand totschlage. Dieser Trumpf stimmte ihn noch mehr gegen meine Wünsche, so daß er zuletzt kurz vor Weihnachten mit auffahrender Ungeduld mir verbot, kein Wort mehr davon zu erwähnen.
Hierüber grämte ich mich insgeheim nicht wenig, und da die Mutter über den kurzen Text des Vaters mehrmals nörgelnde Noten machte, so wurde mein empfindliches Temperament um so mehr zur verbissenen Ärgernis gereizt. Diese mochte wahrscheinlich auch meine Vollblütigkeit in Wallung gesetzt und den Ausbruch des letzten starken Blutsturzes veranlaßt haben. Hierzu kam besonders dies, daß, als mein Vater, wie er gewöhnlich tat, in meiner Geburtsstunde mich bei der Hand nahm, mir einige gute Ermahnungen gab und seinen Segenswunsch mit der Äußerung begleitete: „Sei ferner hübsch fromm und fleißig! Der liebe Gott wird schon auch für Dein künftiges Fortkommen sorgen, wenn es gleich im Chore nicht sein kann,“ betrübte ich mich darüber im Stillen nicht wenig, und alles sonstige Vergnügen über meinen Geburtstagsabend schien mir dadurch verbittert. Hieraus läßt sich nun von selbst meine in der bald hernach erfolgten Krankheit geäußerte Lust, zu sterben, erklären. . . . .
Doch diese Todesgedanken gab ich bald von selbst auf. Denn als der mich besuchende Hofmedikus sein Urteil über meine Krankheit geäußert und einiges verschrieben hatte, fiel es meinem Vater glücklicherweise ein, gleichsam als ob er wegen seiner Weigerung sich selbst Luft machen wollte, anzufangen: Ob der Herr Doktor nicht auch die Befriedigung meiner Neigung, ein Chorschüler zu werden, für bedenklich und meiner
Anmerkungen
- ↑ Bestellte Ständchen bei Familienfesten und dergleichen.
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 4 (1905 bis 1908). Wilhelm Baensch Dresden, Dresden 1905 bis 1908, Seite 165. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_Vierter_Band.pdf/170&oldid=- (Version vom 25.1.2025)