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schwächlichen Gesundheit für nachteilig erachte? Hochaufhorchend lüftete ich mein Ohr, denn hier schien es mir auf Tod und Leben zu gelten. Nach einem kurzen Besinnen war der Hauptinhalt des ärztlichen Resultats: „Nein, keineswegs! Das hätte Er ihm immer erlauben können; ich merke, der Bursche brütet zu viel; die Motion im Chore würde ihm gesünder sein.“ – O, der gute Hofmedikus, mein Lebensretter! Fiel sein Urteil gegenseitig aus: wer weiß, ob ich nicht weniger am Blutsturze und der Krankheit, als an Grillen und kindischem Chagrin gestorben wäre. Diese Trostworte trugen zu meiner baldigern Besserung vielleicht noch mehr bei als alles aus der lateinischen Küche mir Verschriebene, denn es lag mir nun selbst viel daran, gesund zu werden und zu leben, als ich vorher mir in den Kopf gesetzt hatte, zu sterben. . . . . . . .

Da nach dem ersten erlaubten Ausgange meine Gesundheit völlig wiederhergestellt war, kamen auch die Chorangelegenheiten wieder in Vortrag, welche besonders unsere Wirtstöchter, welche auch dafür portiert waren, durch ihren Stiefvater zu vermitteln suchten. Dieser, der auf dem Chore der Interims-Annenkirche einen eigenen Stuhl besaß, hatte mit dem Kantor meinetwegen gesprochen und von ihm zur Antwort erhalten, daß zwar itzt keine Stelle offen sei, ich aber bis dahin die Schule mit besuchen und zugleich die Singestunden abwarten solle. Mein kindischer Eigendünkel, daß ich bereits ein geübter Sänger sei, war vermutlich an der Grille schuld, daß mir das Abwarten der Singestunden und das Notenlernen so widerlich auffiel und mich das Glück, ein Chorschüler zu werden, in einem minder reizenden Lichte erblicken ließ. Es war, als wenn mir der Mut gelähmt wäre, ferner etwas davon zu erwähnen, sowie mein Vater aus ökonomischen Ursachen auch nicht geneigt dazu schien.

Vielleicht wäre mein Lieblingsplan in aller Stille von uns aufgegeben worden, hätte nicht unser Vizewirt uns wieder in Trab gesetzt, indem er uns benachrichtigte, daß der Herr Kantor selbst nach mir gefragt und seine Verwunderung bezeugt habe, daß ich ihm noch nicht präsentiert worden wäre. Zugleich trieb er uns an, dieses so bald als möglich zu tun. Dies geschah denn auch an dem noch in dieser Woche einfallenden Marienfeste, so sauer uns auch aus einer uns eigenen Blödigkeit dieser Gang ankam. Er empfing uns jedoch sehr freundlich, wodurch ich nicht allein frischen Mut schöpfte, sondern auch Zutrauen zu ihm gewann. Dies bewirkte, daß ich ein paar Choräle, die er zur Probe mich singen ließ und auf dem Klaviere begleitete, mit einer furchtlosen Dreistigkeit anstimmte, die ihm selbst gefiel und er seine Verwunderung bezeigte, daß ich bereits eine (wie er es nannte) so eingesungene und tonfeste Stimme hätte, wie fast keiner seiner itzigen Diskantisten. Wieviel er eigentlich damit sagen wollte, verstund ich itzt noch nicht ganz, aber leugnen kann ichs nicht, daß ich dabei insgeheim mir selbst gefiel und gern noch mehr gesungen hätte. Ja, noch ehrenvoller und schmeichelnder schien mir der stille Beifall der ältesten seiner drei noch jüngeren Mädchen zu sein, welche sich dicht neben mich drängte und freundlich bald den Vater, bald mich ansahe.

Eine Schulprobe ließ mich der Herr Kantor nicht tun; es war ihm genug zu hören, daß der Herr Katechet Hennig, den auch er schätzte, mein bisheriger Lehrer gewesen sei. Wir erhielten zuletzt den Bescheid, daß ich nach dem Osterfeste zu jeder Zeit in seiner Schule antreten könne, vorher aber sei es notwendig, daß, da die Rezeption der Chorschüler eigentlich Sache des Rektors sei, wir so bald als möglich bei demselben uns produzieren, aber von dem heutigen Besuche bei ihm durchaus uns nichts merken lassen sollten. Erleichterten Herzens schieden wir von ihm und getrosther ward sogleich der nächstfolgende Palmsonntag dazu bestimmt, auch bei dem Herrn Rektor Goldschad[1] uns zu präsentieren. Mein Vater, der sonst schwer an eine Veränderung ging, befolgte doch auch hier seine Maxime: „Was du einmal angefangen hast, da ruhe nicht ehe, als bis du es zu Ende gebracht hast.“

Schon der erste Anblick dieses, ernstern Blickes und mit passendem Anstande eines Rektors sich uns darstellenden Mannes stimmte merklich meinen Mut zurück. Die Gegenwart seiner uns neugierig angaffenden und jedes Wort auffassenden fünf Kinder machten mich noch schüchterner und beklommener, zumal da die Blicke der beiden älteren Knaben mir es zu sagen schienen, daß sie wohl etwas mehr gelernt haben möchten als ich. Er fing an, mich zu tentieren; aber was er gefragt, was und wie ich ihm geantwortet, bin ich mir vielleicht damals selbst kaum bewußt gewesen. Da er als vormaliger Choralist auf eben dieser Schule[2] gleichfalls musikalisch war, verlangte er auch eine Probe im Singen von mir und gab mir den Vers: „O Lamm Gottes unschuldig etc.“ auf. Wie mein Gesang, bei dem ich vor Ängstlichkeit und naher Ofenhitze in einem Schwitzbade dastund, ausgefallen sein mag, kann ich ebenfalls nicht sagen; wenigstens äußerte er weder Gutes noch Böses darüber, welches mich doch ingeheim kränkte. Wir eilten, uns zu verabschieden, und er entließ uns mit dem Bescheide, daß ich erst beim Kantor mich gehörig zustutzen lassen müsse, damit ich mit der Zeit im Chore gebraucht werden könne.

Auf dem Heimwege tat ich ganz kleinlaut; mein Vater tröstete mich aber, daß ich ja vorerst zum Kantor

Anmerkungen

  1. M. Gotthelf Conrad Goldschad, geb. in Possendorf 1719, Rektor seit 1750, von 1763 an Pfarrer in Leubnitz, gest. 1793.
  2. Muß heißen: auf der Krenzschule.
Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 4 (1905 bis 1908). Wilhelm Baensch Dresden, Dresden 1905 bis 1908, Seite 166. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_Vierter_Band.pdf/171&oldid=- (Version vom 25.1.2025)