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unschwer begriffen hatte. Unbeschreiblich war daher mein Vergnügen, als ich schon in der ersten Singstunde die Noten der angeschriebenen Skale zu verstehen, sie auf- und abwärts nachzusingen fähig gewesen war. Jede neue Lektion des fortgesetzten Unterrichts, Intervalle, Pausen, Takt und dergleichen betreffend, machte mir neue Lust und gab mir gleichsam neue Kraft sie zu begreifen. . . . . . . .

. . . . . So verstrich denn von Trinitatis 1763 bis nach Ostern 1764 fast ein ganzes Jahr, daß ich als Extraner mich zum Chorschüler vorbereitete, ehe ich als solcher am 2. Sonntage nach Ostern meinen Dienst antreten konnte. Nach Michaelis war zwar eine Stelle erledigt worden, aber der Enkel eines reichen Gerbers und Gemeinderichters wurde mir vorgezogen. Ehe ich jedoch meine Chorgeschichte selbst beginne, finde ich für dienlich, zu besserm Verständnisse des Folgenden eine kurze Übersicht von der damaligen Verfassung der Dresdner Annenschule vorausgehen zu lassen.

Die Schule hat seit ihrer Stiftung die offenbar verhunzte Einrichtung gehabt, daß sie nur in 2 Klassen mit ebensowenig Lehrern geteilt wurde. Die untere Klasse kann von ihrem Lehrer, wenn er auch ein sehr geschickter Mann ist, da er zugleich als Kantor so viele andere Geschäfte mit berücksichtigen muß, schwerlich so weit gebracht werden, daß sie ohne alle Zwischenstufe mit Nutzen in die 1. Klasse übergehen kann, deren Rektor noch zuviel nachzuholen hat, und es folglich fast nicht zu vermeiden ist, daß nicht die obern Schüler durch die untern oder diese um jener willen versäumt werden müssen. Ist nun, wie es gerade zu meiner Zeit der Fall war, der untere Lehrer nicht stark genug, dem ersten gehörig in die Hand zu arbeiten, so werden die Lücken in den Fortschritten der Schüler noch größer. Die Choralisten, welche ohnehin, durch eine Menge Chor- und Kirchendienste versäumt, mit den Extranern nicht gleichen Schritt halten können, sind sonach noch übler dran, wenn nicht Talent und angestrengter Fleiß sie einigermaßen wieder entschädigt. Von den 18 Choralisten gehörten 12 in die Schule des Rektors, die übrigen 6 in die Klasse des Kantors. Der gewöhnlichen Rangordnung nach aber wurden sie in 3 Klassen verteilt nach der verschiedenen Repartition des Chorgeldes, da denn die untersten 7 im kleinen Gelde, die mittlern 5 im halben Gelde und die 6 obersten im ganzen Gelde stunden, dergestalt, daß, wenn ein Großer z. B. 1 ganzen Gulden oder 21 Groschen bekam, ein Mittlerer ½ Gulden oder 10 Groschen 6 Pfennige und ein Kleiner 1/3 Gulden oder 7 Groschen erhielt. Außer dem wöchentlich verteilten Chorgelde, wozu auch das Quartalgeld ingleichen die Martini- und Neujahrssingen mit gehörten, gab es noch einige Accidentien vom Gabeltragen[1] und den Wagenleichen, an denen jedoch nicht alle Anteil nahmen, sowie auch die obern Sänger in jeder Stimme ein sogenanntes Konzertistengeld erhielten.

Eine Menge anderer die Chorverfassung insonderheit betreffender Umstände und Observanzen lasse ich unberührt und werde einiger derselben nur da gedenken, wo sie mich besonders angehn. Da aber der vorgedachte dreifache Genuß des Chorgeldes einen merklich verschiedenen Einfluß auf das Befinden eines damaligen Chorschülers hatte, so will ich die Fortsetzung meiner Chorjahre in diese drei Abschnitte verteilen.

1. Die drei Jahre im kleinen Gelde.

Wenige Wochen vor meinem Eintritte ins Chor wäre ich beinahe ertrunken. Mitten auf der Schießgasse[2] in der Vorstadt, wo wir damals wohnten, befand sich ein nachher ausgefüllter kleiner Teich. Nach einem starken Gewitterregen sah ich eine Menge hineingeschwemmter Zimmerspäne darauf schwimmen, die ich mit einem Rechen herausholen wollte. Ich gleitete von der durch den Regen schlüpfrig gewordenen Ausschalung des Teiches ab und sank, da der Schlamm unter meinen Füßen nachgab, bis an den Hals ins Wasser. Der Schreck versetzte mir den Odem, daß ich nicht um Hilfe zu rufen fähig war. Zum Glück ergriff ich eine Lücke in der Verschalung, an der ich mich festhalten konnte; das Wasser hob mich zugleich und die Angst muß meine Anstrengung unterstützt haben, daß ich ohne jemandes Beistand, obschon mit Mühe, mir allein heraushalf, so daß ich selbst nicht begreifen konnte, wie ich es möglich gemacht hatte. In der ganzen Nachbarschaft hatte niemand etwas davon bemerkt.

Da meine Eltern bei Zeiten, um ihrerseits ja nichts zu verabsäumen, auf meinen künftigen schwarzen Anzug bedacht gewesen waren, riet mir der Kantor, dem Gregorius-Singen mit beizuwohnen, um mich vorläufig dem Chore zu präsentieren. Da wußte man denn freilich, indem ich weder Geige spielen oder die gewöhnlichen Gesangstrophen mitsingen konnte, mich weiter zu nichts zu gebrauchen, als zum Noten halten. Meine Ambition fühlte sich nicht wenig gekränkt, daß ich bei dieser Chorsolemnität nur einen so unwichtigen Appendix vorstellen sollte. Das war die erste Verbitterung meines bevorstehenden Chorlebens.

Eine zweite schloß sich zunächst an diese mit an. Ich hatte bei dem Gregorius Umgange auch in den Augen der Primaner eine teils zu unansehnliche, teils ihnen anstößige Figur gespielt, welches sie veranlaßte,

Anmerkungen

  1. Dier Schüler trugen Gabeln, die sie unter die Bahre setzten, wenn die Leichenträger wechseln oder ausruhen wollten.
  2. Schützengasse.
Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 4 (1905 bis 1908). Wilhelm Baensch Dresden, Dresden 1905 bis 1908, Seite 168. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_Vierter_Band.pdf/173&oldid=- (Version vom 26.1.2025)