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Kameraden abzuschütteln zuweilen sich erlaubten, nun desto schwerer auf mir, da meine übrigen Verhältnisse mit diesem Hause von Zeit zu Zeit mich immer sklavischer an dasselbe banden.
Noch im Sommer dieses ersten Jahres verreisete die Frau Kantorin auf 14 Tage nach Kamenz zu ihren Eltern mit den drei Kindern und der Magd, weswegen ich die Anweisung erhielt, diese Zeit über nicht nur am Tage dem Kantor stets zur Hand zu bleiben, sondern auch des Nachts in einem der Kinderbetten zu schlafen. Nur die Chordienste durfte ich abwarten, alle übrige Zeit, selbst während der Schulstunden, von denen ich ganz dispensieret war, mußte ich in der Stube bleiben. Eine benachbarte Frau besorgte morgens das Frühstück und einige andere weibliche Geschäfte; alles übrige, was ich zu verrichten fähig, wozu auch das Auskehren mit gehörte, wurde mir übertragen. Das Bierabziehen besorgte der Herr Kantor selbst, wobei ich ihm jedoch Handreichung leistete und dagegen von ihm über die Behandlung dieses Geschäfts instruiert wurde. Mittags brachte ein Ladenbursche des Kaufmanns Burscher in zinnernen übereinander gesetzten Geschirren, durch deren Henkel ein Tragriemen gezogen war, das Essen für uns beide; abends genossen wir kalte Küche. Vor dem Schlafengehen mußte ich aus Starkens Handbuche eine Abendbetrachtung und aus dem Zittauer Gesangbuche ein oder auch zwei Abendlieder lesen, wobei er mit gefalteten Händen sehr andächtig zuhörte und während meines Lesens stellenweise halblaut die Worte aussprach: „Ach Gott, ja!“ So sehr mir anfangs vor diesem einsamen Umgange mit meinem Lehrer und Gebieter grauete, so bald gewöhnte ich mich daran, zumal der Kantor sich hier ungleich gelassener benahm, als es sonst seine Art nicht war.
Nur ein Punkt meines Dienstreglements setzte mich in eine nicht geringe Verlegenheit. Ich sollte nämlich jeden Morgen um 5 Uhr meinen Kantor wecken, welches für mich eine ganz ungewohnte Sache war, da zu Hause mich meine Eltern weckten, wenn es zuweilen nötig war. Um diesem Befehle Genüge zu leisten, schlief ich die ganze Nacht mit Sorgen und hörte nur immer auf das Schlagen der in der Stube stehenden Wanduhr, die zum Glück auch Viertelstunden angab, da wegen der Fensterladen ich nicht bemerken konnte, wie hoch es am Tage war. Um recht sicher zu gehn, stund ich auf, wenn ich auch wohl zwei bis drei Stunden früher erwachte, zog mich halb an und setzte mich in der Stube aufs Kanapee zunächst der Uhr, bis ich es endlich fünf schlagen hörte.
So hatte ich sieben Nächte mit Anstrengung mir den Schlaf verkümmert, aber am achten Morgen, wo ich ebenfalls nach 3 Uhr aufgestanden war, hatten die erschöpften Kräfte doch den Forderungen der Natur untergelegen und mich in einen festen Schlaf versenkt, aus dem ich erst ½7 Uhr durch Wagengerassel erwachte. Ich riß die Laden auf, weckte meinen Kantor mit dem Vermelden, wie spät es bereits sei, da er gerade an diesem Morgen um 7 Uhr zum Gebet ausgehn und in aller Eil sich anziehen mußte. Ich besorgte ein Donnerwetter; aber in einer Art von schlaftrunkener Betäubung und bloß aufs Fertigwerden bedacht, ging er bloß mit finsterer Miene und ohne ein gutes oder böses Wort gesprochen zu haben, fort, außer, daß er mir etwas hastig befahl, das Frühstück, sobald es fertig, ihm nachzubringen. Erst Mittags, nachdem er eine gute Weile ganz still gegessen hatte, fragte er endlich ziemlich gelassen, wie es gekommen sei, daß ich erst heut es verschlafen habe. Ich erzählte ihm gradeweg meine bisherigen Anstrengungen, worauf er erwiderte: „Ja, da kann ich Dir nicht helfen; das mußt Du Dir durchaus abgewöhnen;“ worauf noch einige Moralen folgten über das Thema: Morgenstund hat Gold im Mund. Die folgenden Morgen klopfte die Nachbarin allemal um 5 Uhr an den Fensterladen, welches er aus Vorsicht ihr mochte befohlen haben. Aber dieser mich ziemlich erschütternde Vorfall hatte mich auf immer von meiner Langschläferei kuriert, an die ich zu Hause mich immer mehr verwöhnt haben würde.
Als mit dem Zurückkommen der Familie mein Vikariat glücklich zu Ende ging, beschenkte mich die Frau Kantorin für meine treu geleisteten Dienste mit einer ganz neuen Troddelmütze, welche sie, wie ich von der Magd erfuhr, in Kamenz eigentlich für ihren Vater gestrickt hatte, aber für sein Haupt zu enge befunden worden war, sowie ich dagegen für meinen Kopf sie zu weit befand. Auch mein Kantor, der mich ebenfalls nicht unbelohnt lassen und zugleich einem richtigen Bedürfnisse abhelfen wollte, verehrte mir eine von seinen Perücken, da er bemerkt hatte, daß ich wegen Mangels derselben als der einzige im Chore immer gehudelt wurde. Die Frau des Perückenmachers bedauerte in meine Seele das reine Hinwegschnippeln meines schönen Flachshaares, und Er wußte seinem Leibe keinen Rat, die weite Haarhaube für meinen, fast die Hälfte kleinern Kopf so zu verengern, daß der erste Windstoß sie mir nicht vom Kopfe führte. Da sahe ich denn nun freilich aus wie der kleine David in Sauls Rüstung und Harnisch, und es läßt sich von selbst erwarten, daß dieses unförmliche Diadem mich mehr verunstalten als zieren mußte. Aber meine Kameraden waren doch nun endlich beruhigt und ihre zufriedenen Blicke schienen mir gleichsam zu sagen: „Siehe, Schreyer ist worden als unser Einer!“
Mit dem Hause meines Kantors kam ich durch die glücklich abgelegte Probe auch meiner häuslichen Brauchbarkeit von nun an in immer mehrere Einverleibung.
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 4 (1905 bis 1908). Wilhelm Baensch Dresden, Dresden 1905 bis 1908, Seite 171. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_Vierter_Band.pdf/176&oldid=- (Version vom 29.1.2025)