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behandelten, hatte ich es kaum gefühlt, daß ich als Waise nun unter fremden Leuten lebte, und war dabei nicht im mindesten behindert worden, fleißig zu sein.
Da mein mehrgenannter Vaters-Bruder Gottfried mir es anbot, zu ihm zu ziehen, nahm ich es freilich seinetwegen mit Dank an, so wenig ich auch Neigung dazu hatte, da ich nun die vorige Bequemlichkeit, Ruhe, Ordnung und übrige günstige Lage merklich vermißte. Ich mußte mit meinem Bette und andern Habseligkeiten in einer Bodenkammer kampieren, deren kleines trübes Fensterchen mir nur ein ärmliches Licht gewährte. Das locker gefugte Dach ließ überall Regen und Schnee durch. Von letzterm war ich nebst dem Bette und den anzuziehenden Kleidern oft ganz überdeckt, und so im Ankleiden schon dem Froste ausgesetzt, mußte ich, ungewärmt, wöchentlich dreimal früh in die kalte Kirche wandern; genoß in der Schule der Wärme auch nicht viel und stund dann beim Kurrendesingen unter freiem Himmel die Kälte aufs neue aus. In der Stube war für meine Schreibereien an einem gemeinschaftlichen Tische auch nur ein sehr eingeschränkter Raum. So brachte ich den noch in diesen Zeitraum fallenden ersten Winter zu.
Meine gesamte, aus den Chorbüchern extrahierte Einnahme auf diese zwei Jahre des halben Geldes betrug 116 Gulden 10 Groschen 2 Pfennig, so daß im Durchschnitte aufs Jahr nur 58 Gulden 5 Groschen 1 Pfennig oder fast 51 Taler kommen, da nunmehr die Accidentien bei Leichen und Kommunionen nicht mehr statt hatten und durch andere nicht ersetzt wurden. Gleichwohl muß ich mit diesem Wenigen doch als ein guter Wirt Haus gehalten haben, da ich dem ohngeachtet soviel davon zurückgelegt hatte, daß ich noch im ersten Vierteljahre nach meiner Versetzung unter die Großen sowohl eine silberne Uhr um 14 Taler 12 Groschen, als eine Garnitur silberne Schnallen um 5 Taler 6 Groschen anzuschaffen vermögend war.
Beim Hinaufrücken auf diese Stufe zu Ostern 1769 war ich immer noch genötiget, den Diskant zu singen oder vielmehr nur durch die Fistel zu pfeifen, wenigstens als erster Konzertist, besonders bei Kirchenmusiken. Im Chore vertrat ich meistenteils die Vizes des zweiten Altisten, der wenig zu gebrauchen war. Der Kantor wünschte besonders, den Rest meines Diskants bis zur Einweihung unserer Annenkirche, welche am 8. Oktober d. J. vor sich ging, aufzusparen und zu schonen. Bei der ansehnlichen Musik dieses feierlichen Tages war nicht nur überhaupt vieles zu singen, sondern ich hatte auch in der dunstvollen Atmosphäre unzähliger Menschen mich über die Maßen anstrengen müssen, daß ich mir dadurch eine so enorme Heiserkeit zugezogen, welche ganzer vier Wochen lang mich hinderte, nur ein lautes Wort zu sprechen, geschweige denn irgend einen musikalischen Ton herauszubringen.
Meinem Kantor war ebensowenig als mir selbst wohl dabei aus Besorgnis, ich möchte durch das angestrengte Singen etwas verletzt und die Stimme ganz verloren haben oder eine fortdauernde Heiserkeit behalten. Doch der Apotheker Bauerfeind, einer meiner Gönner in der Kirchfahrt, wandte gratis alles an, meinen Hals wieder in Ordnung zu bringen. Meine bereits ziemlich gut eingesungene Altstimme ging aber verloren und der nun sich bildende Tenor intonierte anfangs zu scharf und hoboenartig, bis er nach und nach durchs Aussingen mehr Geschmeidigkeit und Höhe erhielt. Es glückte mir, daß ich sogleich wieder zweiter Tenorist werden und fast die ganzen acht Jahre meines Chorlebens als Konzertist dienen konnte. Sobald ich diese Stimme begann, sprang plötzlich der Knoten meines bisher gehinderten Wachstums und ich erreichte binnen Jahr und Tag fast ganz meine nachberige Länge.
Meine nunmehrigen Umstände verbesserten sich denn freilich um ein Merkliches. Ich genoß nunmehr Freiheit und Bequemlichkeit, war nicht mehr der untertänige Diener anderer, sondern konnte mich des Rechts bedienen, eben die Dienste von den Untern zu fordern und anzunehmen, die ich vorher den Obern hatte leisten müssen. Aber der vermöge meines empfindlichen Temperaments ehedem so oft verbissene Unwille bei unbilligen Zumutungen oder Begegnungen. hatte das Nachgefühl dessen, was vorher mir selbst wohl oder wehe getan hatte, mir zu nachdrücklich imprimiert, als daß ich fähig gewesen wäre, das ebenfalls zu tun, was ich so bitter empfunden hatte. Auf das, was zur allgemeinen Ordnung in der Chorverfassung gehörte, hielt ich zwar strenger, pünktlicher und eigensinniger, als manche andere unter den Oberen taten, aber was ich dabei auf irgend eine Art erleichtern konnte, tat ich gewiß. Anstatt in den meisten Kurrenden und bei Ansingen die eingebundenen schweren und unbehilflichen Motettenbücher von den Kleinern mit herumschleppen zu lassen, wodurch sie nur zeitiger abgenutzt und zerrissen wurden, hatte ich stets die linke Tasche voll von dergleichen Singestücken, wie sie etwa jedesmal nötig waren, die ich für mich selbst mir abgeschrieben und gesammlet hatte. Ebenso ließ ich häufig mein eigenes kleines Arienbuch in Oktav die Stelle des dicken Chorbuchs in Quart vertreten.
In Ansehung meiner übrigen und Privatbehandlungsweise der Untern konnte ich gewiß jeden derselben auffordern, zu gestehen, ob ich jemals, außer bei Dienstnotfällen, von ihm oder einem andern einen Hofedienst verlangt; ob ich irgend einen der Kleinen, wie viele der
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 4 (1905 bis 1908). Wilhelm Baensch Dresden, Dresden 1905 bis 1908, Seite 178. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_Vierter_Band.pdf/183&oldid=- (Version vom 5.2.2025)