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eine große Singstunde zu halten, übertrug er dieselbe dem Fähigsten unter den Obern.

Mein itzt erwähntes Geigenspiel war nun freilich nicht von Belang und konnte es auch nicht sein, da ich hier ebenfalls mein eigener Lehrer sein mußte. Zu meiner Zeit wurden die Gregorius-Umgänge auf der Dresdner Kreuz- und Annenschule mit Vokal- und Instrumentalmusik gehalten, da denn auch die Kleinen ihre Geige spielen oder kratzen mußten. Mein Kantor gab mir eine, die wegen ihrer etwas kleinren Mensur für meine kleine Hand paßte und auf der er ehedem als Knabe selbst sich exerziert hatte. Sie war von Steiner gefertigt, dessen Instrumente damals unter die bessern gerechnet wurden. Der Kantor versicherte, daß sein Vater sie ehedem neu mit 5 Talern bezahlt habe; von mir verlangte er aber nur 1 Gulden. In der Folge habe ich als Kandidat sie an einen meiner Schüler verkauft, der mir freiwillig 2 Taler dafür bezahlte.

Sobald ich die nötigen Anfangsgründe der Fingersetzung und Applikatur mir teils durch Absehen imprimiert und abgelernt, teils durch näheres Zurechtweisen von instruierten Violinspielern unter meinen Kameraden begriffen hatte, brachte ich ohne weitern methodischen Unterricht das übrige durch Studium und Übung vollens von selbst heraus und spielte, was ich beim Gregorius oder in Singestunden zu spielen bekam, keck und wenigstens ohne bedeutende Schnitzer von meiner Stimme ab, obschon im ganzen alles mehr gestrichen als gespielt sein mochte; gnug, ich stellete doch meinen Mann. Aus Mangel einer zweckmäßigen Anweisung fehlte es mir denn freilich an vielen, diesem Instrumente eigenen Handgriffen, an der bequemen und leichten Behandlung desselben, an der gelenken Fertigkeit der Finger bei schnellen Passagen, sowie an sicherer Festigkeit der Hand bei veränderten Applikaturen und noch an vielem anderen, was man von einem nur mittelmäßigen Spieler erwarten und verlangen kann. Aber ich vermochte doch wenigstens da, wo man keinen Hauptspieler brauchte, eine Lücke mit auszufüllen und eine Musik durch ein Instrument mehr zu verstärken. Zu meinem Hauptzwecke war dieses genug; ein mehreres wäre Zeitverschwendung gewesen. Mein bischen Kenntnis von der Violine hat mir in der Folge bei Instrumentalkompositionen nicht unbedeutende Dienste geleistet.

Im Klaviere war und blieb ich jedoch ein noch schwächerer Held. Es wurden einst, als ich noch in der untern Klasse war, einige Annenschüler nach Harthau bei Tharandt zu einer Oberförsterhochzeit verlangt, weil man einer tiefen Familientrauer wegen keine Musik haben konnte und dieselbe durch Gesang ersetzen wollte, die Hochzeit aber, weil es bereits hoch Zeit sein mochte, nicht füglich aufschieben durfte. Der Kantor wählte mich als ersten Diskantisten aus, deutete mir aber auch zugleich an, daß er das dafür zu erhaltende Douceur selbst in Empfang nehmen und zu Anschaffung eines Klaviers verwenden wolle. Er hatte mir auch eines besorgt, welches zwar alt und unansehnlich, aber doch noch in brauchbarem Zustande war und mit einigen kleinen Reparaturen nur 2 Taler 5 Groschen kostete. Auf diesem stümperte ich denn nun wohl so oft ich konnte, mancherlei heraus und zusammen, aber bei weitem nicht mit dem Glücke, als auf der Geige. Mein Kantor war so gütig, Klavierstunden mit mir anzufangen, aber bereits nach der fünften kam lieb Weibchen in die Wochen, und dieser Unterricht war auf einmal geschlossen. Mit wehmütigen Empfindungen sahe ich Einen und den Andern meiner Kameraden zu Herrn Organist Fehre in die Klavierstunden gehen, die meine Armut mir versagte. Bei meinem nicht schwerfälligen Fassungsvermögen, bei meiner Anlage zum Selbstraffinieren hätte ich vielleicht binnen ½ Jahre hinlänglichen Grund gelegt, mich dann selbst fortzufinden, soviel ich bedurfte. Ja, ich würde schon von Zuhören beim Unterrichte Anderer, von Zusehen bei Fingersetzen ihres Spiels vieles aufgefaßt haben. Doch es konnte, ja es sollte selbst zu meinem Besten, auch nicht sein; ich hätte vielleicht, wie so viele andere tüchtig geübte Klavierspieler und gewordene Meister, mehr in die Finger als in den Kopf gelernt.

Bei all diesen musikalischen Mängeln, besonders in Ansehung des Klaviers, setzte ich doch, auch in diesem Zeitraume, die Übungen in der Komposition fleißig fort, und um nicht ganz ohne Lehrer, Zurechtweiser und Korrektor zu sein, schuf ich mir selbst Einen, der einsweilen die Vizes desselben vertreten mußte. Ich setzte mir nämlich die mir bekannten melodischen Hauptstimmen von Arien, Motetten und selbst von Musikchören aus, komponierte die übrigen Stimmen dazu, verglich dann meine Machwerke mit den Originalen, kritisierte über beides und abstrahierte mir dadurch manche Regel, aber auch manchen Wink über das Fehlerhafte von meiner Seite. Man wird hiernach von selbst einsehen, wie ich auf diesem zwar etwas mühsamen, aber doch in grader Richtung meinem Ziele mich entgegenführenden Wege nicht oberflächliche Musikkenntnisse mir erwerben konnte, da ich des Vorteils anderer Komponisten entbehren mußte, meine musikalischen Inventionen mir auf dem Klaviere vorspielen zu können.

Ein gewisser Meyer[1], der nachher erst Kantor in Jöhstadt und dann Rektor in Zwönitz wurde, war damals unter uns der geschickteste Musikus, nicht nur auf mehrern Instrumenten geübt, sondern setzte auch

Anmerkungen

  1. Johann Georg Meyer, 1777 Kantor in Jöhstadt, 1787 in Zwönitz, gestorben 1817.
Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 4 (1905 bis 1908). Wilhelm Baensch Dresden, Dresden 1905 bis 1908, Seite 180. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_Vierter_Band.pdf/185&oldid=- (Version vom 11.2.2025)