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Abends verbringe ich eine Stunde bei Lemaistre[1],
der mir über die Zeit, wo unser König in Plauen,
Regensburg und Prag gewesen ist, sehr viel Aufschluß
gibt. Seiner Versicherung nach ist es das schwierigste
Geschäft von Langenau und Senfft[2] gewesen, ihn
zu einer Erklärung gegen Napoleon zu bringen, teils,
weil er wirklich eine persönliche Anhänglichkeit an ihn
gehegt habe, teils aber auch, weil die Alliierten,
Rußland und Preußen, so wenig Rücksicht gegen ihn an den
Tag gelegt, vielmehr schon damals ihre
Eroberungsprojekte auf Sachsen zu erkennen gegeben haben. Der
Mutmaßung nach würde das Schicksal Sachsens,
freilich unter anderem Anstrich, selbst bei einer Erklärung
des Königs, nicht günstiger gewesen sein als so[3]“.
„13. Dezember. ...... General Thielmann verließ heute Koblenz aus uns unbekannten Gründen, dem Anschein nach kommt er bald wieder. Senft hatte gestern eine Stunde bei ihm verbracht. Bei dieser Gelegenheit hatte er unseren König als den rechtlichsten und biedersten Mann anerkannt und ihn dem Kaiser von Rußland gleichgestellt. Er betrachtet das Schicksal Sachsens als gänzlich entschieden, und zwar zu Gunsten Preußens. Sein Schicksal, gibt er vor, in der Tasche zu haben; sicher bleibe er nicht in Sachsen[4]. – Wohl ihm und uns! ...... Am Abend erhält die hier wohnende Gräfin Rennes einen Brief von der dermalen in Neuburg in Bayern lebenden Prinzeß Kunigunde (Tante unseres Königs[5]). Sie schreibt ihr die vorteilhafte Lage der dermaligen Angelegenheiten Sachsens, und daß der König binnen kurzem zurückkehren werde. Zwar ist der Brief vom 4. November datiert, doch geht aus allem hervor, daß das Datum der 4. Dezember sein soll. Ihrer Meinung nach sei es offiziell. – Das einzige darin Bedenkliche ist, daß sie bemerkt, der König werde sein Land bien rongé zurückerhalten; doch dadurch würde die Dynastie erhalten.“
Neben der Vierteljahrsschrift „Dresdner Geschichtsblätter” gab der Verein das 20. Heft seiner „Mitteilungen“ heraus, enthaltend eine mit Abbildungen ausgestattete Abhandlung des Seminaroberlehrers Cand. rev. min. Sigismund über einen halbvergessenen Dresdner Künstler, den 1890 verstorbenen Maler Ferdinand von Rayski, dessen Werke auf der Berliner Jahrhundertausstellung von 1906 Aufsehen erregt hatten. Zwei andere kunstgeschichtliche Veröffentlichungen: „Die Malereien in den Handschriften des Königreichs Sachsen“ von Robert Bruck und „Zur Baugeschichte der Dresdner Kreuzkirche“ von Alfred Barth wurden vom Verein unterstützt. – Vorträge hielten am 13. Februar Handelsschuldirektor Prof. Dr. Rachel über Kaiser Ferdinands I. Besuche in Dresden, am 13. März Prof. Dr. Wuttke über die Dresdner Münzkonvention von 1838, am 16. Oktober Gymnasialoberlehrer Dr. Aster über Schicksale und Haltung der sächsischen Armee 1814/15, am 13. November Dr. Hecker über Dresden im Schmalkaldischen Kriege, am 11. Dezember Oberstudienrat Prof. Dr. Meltzer über Peter von Dresden. – An der vom 4. bis 7. September in Dresden abgehaltenen X. Versammlung deutscher Historiker nahmen viele Mitglieder unseres Vereins teil. Der übliche Sommerausflug am 9. Juni war nach der herrlich gelegenen Burgruine Stolpen und dem benachbarten Neustadt gerichtet und nahm unter der kundigen Führung von Dr. Meiche und Lehrer Mörtzsch einen anregenden und genußreichen Verlauf. – Der „Ausschuß für Denkmalpflege“ übernahm es auf Wunsch der Amtshauptmannschaft Dresden-Altstadt, die baulichen Denkmäler und Altertümer in den Dörfern des Bezirks, soweit sie nicht in dem amtlichen Inventarisationswerk berücksichtigt sind, in ein Verzeichnis zu bringen, das der Behörde beim Schutze der Denkmäler einen Anhalt bieten soll; der Ausschuß veranstaltete zu diesem Zwecke mehrere Besichtigungsfahrten durch den Bezirk. Ein von der Staatsregierung vorbereiteter Gesetzentwurf gegen die Verunstaltung von Stadt und Land wurde dem Ausschusse zur Aussprache mitgeteilt; die von ihm ausgesprochenen Wünsche haben in dem endgültigen Gesetzentwurfe volle Berücksichtigung gefunden. – Die Jahresrechnung wies 7104 Mark Einnahme (darunter 5844 Mark Mitgliederbeiträge und 872 Mark Erlös aus Veröffentlichungen) und 4245 Mark Ausgabe (darunter 3218 Mark Anfwand für Veröffentlichungen) auf; es verblieb ein Kassenbestand von 3564 Mark. Der Verein hat gegenwärtig 980 Mitglieder.
Inhalt: Aus dem Tagebuche eines sächsischen Offiziers 1814–1815. Mitgeteilt von
Gymnasialoberlehrer Dr. Friedrich Aster. – Vereinsbericht.
- ↑ Georg Friedrich Lemaistre war 1810–1813 Sekretär im Bureau des Generalstabes des Königs gewesen, sollte bei der Reorganisation des Heeres i. J. 1813 Kanzleidirektor des Herzogs von Weimar werden, wurde aber auf Carlowitzens Betreiben wieder von der Liste gestrichen (s. Rangliste 1813, S. 10 u. Petersdorff a. a. O., S. 254). Was ihn 1814 nach Koblenz führte, ist nicht zu ersehen.
- ↑ Kabinettsminister Friedr. Christ. Ludw Graf Senfft v. Pilsach. Er hatte das äußere Schicksal Sachsens bis zum Wiederanschluß des Königs an Napoleon geleitet und gemeinsam mit Langenau den Vertrag mit Österreich zustande gebracht, der nur noch unterzeichnet zu werden brauchte, als der unglückliche Ausgang der Schlacht bei Lützen den König wieder auf Napoleons Seite drängte.
- ↑ Wie richtig diese Vermutung war, bestätigt die abschließende Untersuchung W. Onckens: „Graf Metternich und Graf Senfft“ im 2. Bde. seines Werkes: „Österreich und Preußen im Befreiungskriege. Urkundliche Aufschlüsse über die polit. Gesch. d. J. 1813,“ bes. S. 248 u. 269, woraus hervorgeht, daß Sachsen von vornherein als „Schlachtopfer“ bestimmt war, weil es als Ausgleichsobjekt gegen Polen günstig lag, und daß es nur deshalb ganz anders als die anderen Rheinbundstaaten, besonders Bayern, behandelt wurde.
- ↑ Sein Übertritt in preußische Dienste erfolgte erst im Apr. 1815.
- ↑ Tochter des Kurfürsten Friedrich August II., Äbtissin zu Essen und Thorn.
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 4 (1905 bis 1908). Wilhelm Baensch Dresden, Dresden 1905 bis 1908, Seite 228. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_Vierter_Band.pdf/233&oldid=- (Version vom 20.2.2025)