Seite:Dresdner Geschichtsblätter Vierter Band.pdf/249
Rudolf zum römischen Könige (27. Oktober) zustande kam. Auch im folgenden Jahre 1576 hoffte der Kaiser den für die Reichspolitik so wichtigen Kurfürsten auf dem Reichstage zu Regensburg zu sehen. Auf der Reise dahin bat er ihn von Tulln aus am 1. Juni, da er sich bisweilen mit der „Paiß“ d. h. der Beize, ergötze und zur Zeit mit Vögeln schlecht versehen sei, darum, ihm aus Dänemark gute Gerfalken zu verschaffen. Damals versorgten nämlich die Könige von Dänemark viele andere Fürsten mit dem isländischen sogenannten Gerfalken, denn alljährlich schickten sie ein Schiff nach Island aus, das ihnen solche Vögel brachte[1]. Kaiser Maximilian wird kaum mehr Gelegenheit gehabt haben, auf die Beize zu gehen. Während des Regensburger Reichstages wurde er immer schwächer. Zu seinem Leidwesen kam August nicht dahin. Er hatte sich wegen häuslicher Kümmernisse entschuldigt. Sein jüngstes Söhnchen Friedrich, bald nach der Dresdner Zusammenkunft (18. Juni 1575) geboren, war ihm am 24. Januar 1576 gestorben; von neun Söhnen waren ihm damit acht vorangegangen! Nun litt seine Frau an schwerem Harm, hatte auch allerlei Zufälle; seine jüngste Tochter litt am Tertianfieber – kurz, es war bei ihm, wie er schreibt, ein rechtes Siechhaus. Aus seinen Punktier- (gleichsam Orakel-) Büchern[2] geht hervor, daß er bei der Frage, ob er nach Regensburg reisen sollte, alle Deutungen, die darauf bezogen werden konnten, daß er die Fahrt, die ihm bei unordentlicher Diät viel Geld kosten und wenig Dank einbringen werde, lieber unterlasse, eifrig befolgte.
So haben sich die beiden fürstlichen Freunde nicht wieder gesehen; Maximilian II. starb auf dem Regensburger Reichstage am 12. Oktober 1576, kurz nachdem sein Sohn Rudolf den Reichstagsabschied vorgelesen hatte. Kurfürst August, der in seinen Punktierbüchern nach dem Ausgange der Erkrankung Maxens häufig gefragt hatte, erfuhr das Hinscheiden des Reichsoberhauptes auf Schloß Annaburg und erließ schon am 18. Oktober an den Dresdner Rat ein Schreiben[3], in dem der Superintendenz die Verkündigung des Trauerfalles, die Mahnung zu emsigem und christlichem Gebet an das Volk aufgetragen wurde, außerdem die Schösser und der Rat dazu angehalten wurden, Trauerläuten zu veranstalten, dagegen vier Wochen lang Pauken, Pfeifen und anderes Freudenspiel im ganzen Amte nicht zu dulden. Dadurch, daß sich der Freiberger Zehentschreiber Wolf Prager beim Dresdner Oberstadtschreiber Burkhard Reich alsbald erkundigte, wie der Rat die Trauerfeier in Stadt und Kirche abgehalten habe, denn in Freiberg habe man dergleichen noch nie angestellt, ist uns eine Beschreibung davon, wie sich die für Dresden auch ganz neue Feier abgespielt hat, erhalten worden, denn Burkhard Reich antwortete alsbald in einem sehr umfänglichen Schreiben[4].
Adel, Hofgesinde, Bürgermeister und Rat, Viertelsmeister und Trabanten (diese die hohen Wehrenspieße gesenkt tragend) versammelten sich mit ihren Weibern, die Trauerbinde, Trauerschleier und lange Mäntel trugen[5], im Schloß und zogen ohne Schüler und Gesänge nach der Kreuzkirche. Während der Rat in seinen Stuhl ging, beschritten alle vornehmen Herren und Frauen die „Porkirche“. Wenige langsame Glockenschläge, lateinische Gesänge der Hofkantorei „mit gar heimlicher kläglicher Stimme gesungen“, und deutsche Lieder gingen der Leichenpredigt des Herrn Superintendenten Daniel Greser voraus. Während erneut lateinische und deutsche Gesänge erschallten, wandelte der Trauerzug aus der Kirche wieder dem Schlosse zu, in dessen Hofe der Kanzler dem Rate im Auftrage des Kurfürsten eine Danksagung tat.
Im Jahre 1575 war in Dresdens Mauern zum ersten Male ein im vollen Amte wirkender und in voller Würde stehender Kaiser, der mit dem Landesfürsten eng befreundet war, zu Besuch gewesen; erklärlich, daß man gern darauf einging, ihm, als er schon im Jahre darauf starb, eine öffentliche Trauerfeier zu halten. Schreibt doch der venetianische Gesandte Vicenzo Tron 1576 in seinem Berichte an den Dogen über das Verhältnis der beiden Fürsten zueinander: „August hat Maximilian und Rudolf zu römischen Königen gemacht; aber S. M. ist nicht nur seines Gemütes ganz sicher gewesen, sondern betrachtete ihn wie einen Bruder“[6].
Wir aber haben den Eindruck: Dadurch, daß sich Kurfürst August aus territorialem Interesse und aus Haß gegen die Kalvinisten seinem kaiserlichem Besuche gegenüber in den wichtigsten politischen Fragen so entgegenkommend gezeigt hat, haben die Dresdner Tage für die Reichspolitik und für die Entwicklung des Protestantismus im Reiche eine verhängnisvolle Bedeutung
gewonnen.
- ↑ Landau, Beiträge zur Geschichte der Jagd und der Falknerei in Deutschland, 1849, S. 331.
- ↑ Königl. Bibl. Dresden M. 338 O. Richter in Forschungen zur deutschen Geschichte, Bd. 20.
- ↑ Ratsarchiv, G. XXX 1 a. Fürstliche Beilager und Tödtlicher Abgang der Landtsfürsten, item Kayser Maximilian des anderen Begengknüs, S. 67.
- ↑ Ratsarchiv a. a. O. S. 70 flgde.
- ↑ Dresdner Bilderchronik I, herausg. von Otto Richter, zeigt auf Tafel 3 in dem Bilde von Kurfürst Augusts Leichenbegängnis 1582 die damalige Trauertracht der Frauen.
- ↑ Albèri, Venetianische Gesandtschaftsberichte, Serie I, Vol. VI, S. 183.
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 4 (1905 bis 1908). Wilhelm Baensch Dresden, Dresden 1905 bis 1908, Seite 244. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_Vierter_Band.pdf/249&oldid=- (Version vom 18.2.2025)