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werden. Dem ins Ungewisse hinein beschlossenen Marsch auf Leipzig gegen eine nur vermutete, durch nichts gewährleistete Aufstellung Napoleons mußte notwendig ein klarer strategischer Zweck fehlen. Man schritt ins Dunkle und ließ die Ereignisse an sich herantreten.

Es wird nun in der Lüdtkeschen Schrift ein unzutreffender Schluß gemacht, wenn es (S. 28) heißt: „Was hatte es auf sich, daß man mit einer Viertelmillion Soldaten die Offensive gegen Leipzig nahm, wo man Napoleon zu finden glaubte? Was hatte es auf sich, daß man die Ostarmee zu einem gleichen Vorstoße aufforderte? Was bedeutete die Vereinigung der drei Heere, die man also erzielen mußte? Nun, das alles war von keiner anderen Bedeutung, als von derjenigen, welche diese Operationen in den Oktobertagen desselben Jahres erhielten: man wollte die Schlacht!“

Wie soll eine solche – die mit vereinten Kräften – herbeizuführen sein, wenn bei dem Schwarzenbergschen Vormarsche die schlesische Armee noch gegen 30, die Nordarmee noch rund 25 Meilen (Luftmaß) von Leipzig bzw. von der Linie Chemnitz-Freiberg entfernt war! Und dies zu einer Zeit, in der diese beiden Armeen noch gar nicht in Kontakt mit ihren Gegnern sich befanden, diese also erst zu überwinden und dann wiederum und zwar nicht ohne weitere Gefechte zu verfolgen, dabei noch den Elbübergang eventuell zu erzwingen, im ganzen also mehr als 1–11/2 Meilen günstigsten Falls und durchschnittlich pro Tag kaum zu bewältigen vermochten? Wie kann bei solchen Raumverhältnissen und Kriegslagen an eine Vereinigung der drei Armeegruppen zu gemeinsamer Schlacht jetzt auch nur gedacht werden?

Es scheint auch, als habe dies Dr. Lüdtke doch einigermaßen durchgefühlt, denn S. 28 unten heißt es weiter: „Wären die Annahmen des böhmischen Hauptquartiers so richtig gewesen, wie seine Absichten kühn waren – vielleicht wäre es dann schon jetzt zu einer Völkerschlacht von Leipzig gekommen. Aber die Vorsehung hatte es anders geordnet. Erst zwei Monde darauf sollten die eisernen Würfel rollen, sollte der aufatmenden Welt die Kunde werden: der Imperator sei geschlagen . . . Und wir können dem Schicksale dafür dankbar sein; denn ob die Verbündeten den gleich starken, von einem Napoleon geführten Feind, der noch kein Katzbach, kein Großbeeren, kein Kulm und Dennewitz erlebt hatte, überwunden hätten – die Frage zu beantworten wage ich nicht.“

Darauf ist zu entgegnen: Nicht die Vorsehung hat hier geordnet, wo unberechenbare Verhältnisse nicht vorlagen; nicht das Schicksal hat eingegriffen, wenn erst zwei Monate später die Entscheidung fiel, sondern der ins ungewisse hinein und schwächlich ohne klare, große Ziele ausgeführte Vormarsch der böhmischen Armee nach Sachsen, der vor Dresden scheiterte, ist schuld daran, daß erst im Oktober die Entscheidung einzutreten vermochte.

Wenden wir uns zur Vormarschausführung.

Der am 19. August begonnene, durch den Melniker Kriegsrat beschlossene Vormarsch auf Leipzig vollzog sich in vier Hauptkolonnen, am 22. August über den Erzgebirgskamm, nachdem am 21. Blüchers Nachricht von seinem ziemlich widerstandslosen Vorgehen über die Katzbach (18. August) eingegangen war. Man erhoffte ein Zurückgehen Napoleons auf Dresden beziehungsweise über die Elbe, ein Preisgeben ganzer Provinzen seiten des Imperators ohne Schwertstreich; doch blieb der Wunsch der Vater des Gedankens.

Am 22. August abends war die böhmische Armee in folgenden Stellungen angelangt:

I. Kolonne (rechte, 30 000 Russen nach siegreichen Kämpfen zwischen Hellendorf und Pirna gegen die dorthin vorgeschobenen Truppen St. Cyrs) im Rayon Zehista – Pirna – Dohna – Groß-Cotta.
II. Kolonne (Korps Kleist, 37 000 Preußen), Vortruppen bei Pilsdorf und Sayda, Gros bei Purschenstein (dahinter russische Grenadierdivision bei Johnsdorf).
III. u. IV. Kolonne (Österreicher, 56 000 Mann unter Hessen-Homburg – 27 000 Mann unter Gyulai – gefolgt von 24 000 Mann unter Klenau). Vortruppen bei Freiberg und Wolkenstein, Gros bei Marienberg und Annaberg.

Die russisch-preußischen Garden noch bei Brüx (35 000 Mann).

Die russische Kürassier- und leichte Kavalleriedivision bei Minitz südlich Budin (14 000 Mann).

Hauptquartier Kaiser Alexanders und Schwarzenbergs war Zöblitz.

Dort erhielt der Zar wichtige Depeschen, welche von Kosaken den Truppen St. Cyrs abgenommen waren. Aus diesen Depeschen – die Quellen geben Genaueres nicht an – ging im wesentlichen hervor, daß

a) in Richtung Chemnitz – Freiberg auf Leipzig kaum größere feindliche Abteilungen zu finden sein würden, daß
b) das Korps St. Cyrs zur Deckung Dresdens bestimmt sei und nahe dieser Stadt stehe[1], und daß
c) Napoleon noch immer mit seinen Hauptkräften am Fuße des Lausitzer Gebirges sich befinde.

Darnach mußte der Weiterverfolg der Marschrichtung auf Leipzig zu einem Luftstoße führen, und dies nötigte zur Richtungsänderung im Vormarsche. Der Marsch auf Dresden, zum nächsten Gegner hin, ergab sich nun von selbst.


  1. a und b besagten auch Meldungen der österreichischen Vortruppen-Kavallerie.
Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 4 (1905 bis 1908). Wilhelm Baensch Dresden, Dresden 1905 bis 1908, Seite 46. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_Vierter_Band.pdf/49&oldid=- (Version vom 30.1.2025)