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Auf das Sterben? Sie will also zu ihrer Pein sterben? Sehr fremd geredt. Dem einzelnen Worte, singen, sollte nicht die Redensart entgegen gesetzt stehen, am Leben seyn, sondern leben. Es ist natürlicher und verhältnißmäßiger. Wer sieht nicht, daß die Reime Pein und seyn wider das Natürliche dieser Stelle sich empört haben? Aber der Reim ist der Sklave, und der Poet der Herr.
La Rime est une esclave, & ne doit qu’obéïr.
„Sie singt; allein zu ihrer Schmach.“ Schmach ist nicht das richtige Wort; Schande, Verdruß, Schimpf, oder so etwas. „Das Echo wacht;“ wacht ist unnatürlich. „Und thut es nach:“ thut, ist platt; warum nicht, spricht, singt u. d. gl.?
Achte Strophe. „Drauf schießt sie bey dem letzten Zuge, die so bethörte Sängerinn, mit aufgebrachtem schnellen Fluge, nach der verhaßten Freundinn hin.“ Drauf, schon wieder! Bey dem letzten Zuge; was ist das für ein Zug? Der Zug des Athems; oder steht Zug statt Ton? Und was heißt der letzte Zug? Soll es heißen: indem sie den letzten Ton singt, schießt sie nach dem Spiegel? Wer wird so erzählen? Die bethörte Sängerinn; bethört ist kein gewähltes Wort. Mit schnellem Fluge kann man sagen, aber wohl nicht ohne Gewaltsamkeit mit aufgebrachtem schnellen Fluge. Die verhaßte Freundinn, ist langweilig, und wie das hin nicht nothwendig; und woher war sie eine Freundinn von ihr? Sie sah sie ja itzt zum erstenmale. Das Oxymoron, verhaßte Freundinn, ist also hier ein Spielwerk.
Christian Fürchtegott Gellert: Fabeln und Erzählungen. M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig 1769, Seite 316. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Gellert_Schriften_1_316.jpg&oldid=- (Version vom 2.1.2026)