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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band | |
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Zur Plattform führten majestätische Stufen von Marmor, auf denen die Schaaren der Verehrer des Sonnengotts einst hinan zogen zu den heiligen Hallen mit den geschmückten Opferthieren und den Baal tragenden Priestern. Sie sind zertrümmert und mit Gestrüpp und Gestein bedeckt. Ungeheuere Bruchstücke und Säulenkapitäler sind den steilen Abhang hinabgerollt und ragen hie und da aus dem Schutt hervor. Zwischen ihnen windet sich ein schmaler Pfad hinauf, wo die imposante Steinmasse des großen Sonnentempels zuerst vor den Blick tritt.
Der Eingang desselben ist von Osten her durch einen Portikus von 12 runden Säulen. Er führt in die erste Abtheilung des Tempels, eine sechseckige Vestibüle von 180 Fuß Durchmesser. Umgeben ist diese von einem Kreise von Nebenhallen, alle in den schönsten Verhältnissen und überdeckt mit den reichsten Verzierungen. Weiterhin tritt man in den eigentlichen Vorhof. Er ist viereckig, mißt 574 Fuß Länge und 368 Fuß in der Breite und ist mit hohem Gras und Gestrüpp, aus dem abgebrochene Säulen und Skulpturfragmente ragen, bewachsen. An diesen Theil der Ruine stößt ein weit-ausgedehnter Säulenbau, die Cella oder der innere Tempel. Neun Säulen von den colossalsten Dimensionen stehen hier noch aufrecht. Ursprünglich trugen aber 56 solcher Säulen das Dach der Cella, die 350 Fuß lang, 160 Fuß breit und 90 Fuß hoch war. Man kann sich nichts Großartigeres denken, als diese Ruine, nichts Prächtigeres, als diesen Bau vor seiner Zerstörung.
Gleich links von diesem größten der Tempel steht ein zweiter, kleinerer. Er ist etwas besser erhalten. Von den 50 Säulen, die er hatte, stehen noch zwanzig, von denen 11 ein reich skulptirtes Stück Gewölbe tragen, das den Vorhof zwischen dem eigentlichen Tempel und der Außenmauer deckte. Die Decke ist cassetirt und jede Abtheilung zeigt eine mythologische Darstellung von der schönsten halberhabenen Arbeit. An diesen Tempel stößt eine lange Reihe zerstörter Kammern und Zellen, wahrscheinlich die ehemaligen Wohnungen der Priester. Auch hier sieht man überall Reste bewundernswürdiger Bildhauerarbeit; die Säulen sind jedoch alle zerbrochen, die Bildsäulen aus den Nischen genommen, die Dekorationen abgeschlagen; mit Widerwillen tritt der Fuß auf ganze Haufen von Fragmenten der Werke antiker Kunst.
Der dritte Tempel ist klein; die runde Cella hat nur 32 Fuß im Durchmesser; doch ist sie das Schönste, was ganz Syrien an Ueberresten des Alterthums aufzuweisen hat. Der Tempel ist ganz von Marmor und die Ornamente daran sind so zart wie die feinsten Arbeiten eines Ciseleurs.
Auf dem nördlichen Ende der Terrasse sieht man noch eine zweite erhöhete Plattform von mächtigen Marmorblöcken, wo noch ein vierter, kleiner Tempel gestanden haben muß, von dem aber nichts übrig ist, als zwei Säulenschäfte von rothem ägyptischen Granit und einzelne, aus dem Boden hervorragende Kapitäler und Gesimse mit den zierlichsten Skulpturen.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1843, Seite 99. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_10._Band_1843.djvu/109&oldid=- (Version vom 11.12.2025)