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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band | |
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Du im Himmelsall den Lauf der Welten ordnest und die Abgründe des Raums, der Unermeßlichkeit, mit Sonnen ohne Zahl bevölkerst – sage: was gelten alle diese Religionssysteme der Menschen auf der kleinen Erde, die sich einander in Widerspruch hassen und verachten, in Deinen Augen? Was sind sie, diese Meinungen eines Häufleins Kinder in Deinem unbegrenzten Geisterreiche, für Dich, auf dessen Geheiß die Milchstraßen den Kreislauf ordnungsvoll vollenden? Was sind Dir die Spitzfindigkeiten ihrer Lehren und die Streitfragen ihres Glaubens? Kannst Du Wohlgefallen haben an diesem Kampfe ohne Ende, an dieser Selbstqual der Thorheit? Ach! wenn die Menschen, statt sich in hundert Religionsparteien und Sekten zu spalten, die nichts mit einander gemein haben, als den Haß, die Unduldsamkeit und den Irrthum, und deren Geisteskraft sich abmüht, in unzusammenhängenden Systemen den Faden der Einigung mit den unveränderlichen Gesetzen der Vernunft und der Moral zu finden, – die Offenbarung Gottes in der Natur suchten, – hier, wo Alles Gottes Offenbarung ist, wo die Wahrheit mit voller Ueberzeugung glänzt, – hier, vor dem aufgeschlagenen Codex der ewigen Gerechtigkeit, vor dem offenen Buche der Weisheit eines allgütigen Regierers, der alle seine Wesen mit gleicher Liebe umfaßt, der, um über ein Land regnen zu lassen, nicht fragt, was für einen Propheten es hat, der seine Sonne aufgehen läßt über alle Menschen jeden Glaubens, über den Weißen, wie über den Schwarzen, über den Muselmann, wie über den Heiden, über den katholischen wie über den protestantischen Christen; der die Saat da gedeihen läßt, wo sie sorgsame Hände ausstreueten und sie mit Liebe gepflegt ist; der jede Nation vermehrt und jede Familie emporhebt, bei welcher Redlichkeit, Fleiß und Ordnung herrschen; der jedes Reich steigen läßt, wo die Gerechtigkeit ausgeübt wird, und da die Menschen beglückt, wo der Mächtige durch Gesetze gebunden, der Arme durch sie beschützt wird; der die Völker stark macht, wo der Schwache in Sicherheit lebt und wo ihm der Mitgenuß der gesellschaftlichen Rechte unverkümmert und ungeschmälert bleibt von dem Starken; – ich sage, wenn sie im grünen Tempel des Herrn des Herrn Stimme hörten, wie sie des Priesters horchen in dem Hause von Stein: dann würden die einfachen und unveränderlichen Grundsätze der wahren Religion nicht eine Hieroglyphe seyn, die von vielen Millionen nur Wenige entziffern. Alle Menschen würden sie verstehen, und auch die im Schutt der priesterlichen Satzungen vergrabene Lehre des größten und besten aller Menschen – auch sie würde dann nicht mehr zum Schemel des Aberglaubens dienen. –
Seht, auf der Stätte dieses Gotteshauses, in das ich euch nachher führen werde, haben vor der „Mutter Gottes“ andere Götter ihre Tempel gehabt; auch ihnen wurde von den lehrenden Priestern eine ewige Dauer verkündigt; auch ihnen glaubten die Völker so fest und so treu, als der Gottheit, welcher man heute hier huldigt. Auf der Stelle, wo der gesalbte Priester das Blut des Gekreuzigten aus goldenen Kelchen schlürft und sein Fleisch an die Gemeinde theilt, – brachten die allen Gallier ihren Göttern Isur und
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1843, Seite 132. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_10._Band_1843.djvu/142&oldid=- (Version vom 15.12.2025)