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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band | |
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Cornunnus einst Menschenopfer. Als die Römer kamen, stürzten sie die Altäre um, und Jupiter zog in das Säulenhaus, das sie an ihre Stelle gebaut; und als mit den Adlern Roms auch dessen Götter flüchteten, da nahm der Christengott und die Schaar seiner Heiligen Besitz von der verlassenen Stätte, und aus dem Säulentempel ist in der Jahrhunderte Lauf diese Kirche erwachsen, welche die Christenheit unter ihre ehrwürdigsten zählt.– Liegt nicht in dieser Wiegengeschichte von Notre-Dame eine große Lehre und der Beweis für eine Wahrheit, die geeignet ist, manche gläubige Seele erschrecken zu machen? Ja, du erschrickst, Irrgläubiger, und dein Inneres wird von Gedanken zerrissen, welche du nicht laut zu offenbaren wagst. Deine Einsicht ergreift ihre Züge; aber eine angelernte Ehrfurcht vor dem Irrthum hält deinen Sinn gefangen. Wisse, nur Unwissenheit und Thorheit glauben ohne Beweis, und einen Glauben mit Gewaltsprüchen unantastbar machen wollen, ihn entziehen wollen der Untersuchung und der Prüfung, ist Sache der Lüge und der Tyrannei und verräth seine Schwäche. Eine Religion, die das Verbot aller Untersuchung in den Vorgrund stellt, welche die Verleugnung des eignen Urtheils heischt, ein Glaube, der schon bei jedem leisen Zweifel das Gewissen des kleinmüthigen Menschen mit blankem Schwerte zur Züchtigung auffordert, ein Glaube, der bei jeder Prüfung, erschrocken, die Autorität himmlischer Mächte zu Hülfe ruft und die Kritik schlechtweg als Blasphemie verdammt, ein solcher hat – umflösse auch siebenfacher Heiligenschein sein Haupt! – nichts Ehrwürdiges, und ein solcher hat keine Gewähr seiner Unvergänglichkeit. Er kann diese nicht haben; denn durch einen solchen Glauben müßte ja der verblendete Mensch seine Fesseln an sich selbst vernieten, er würde auf immer, ohne Vertheidigungskraft, zum Sklaven seiner Unwissenheit, zum Spiel priesterlicher Schlauheit und Truglist gemacht. Und das will Gott nicht; denn nicht Stillstand, nicht Beharren, sondern Bewegung ist das Prinzip für seine Schöpfung. Was der geschaffenen Menschheit angeht, ist diesem Prinzip unterthan, und darum kann auch bei den religiösen Vorstellungen keine Unbeweglichkeit gedacht werden. Die Glaubenslehren – Kinder der Jahrtausende und ihrer Zustände – sie wechseln wie diese; – die Religion schließt, wie alles Menschliche, die Fähigkeit der Läuterung und Fortbildung nicht aus, und gerade darin liegt ja für die Menschheit die Bürgschaft zur Erlangung glückseligerer Zustände in künftigen Zeiten.
Ehe wir die Kathedrale von Paris betreten, werfe ich einen Blick auf ihre Geschichte. Ich will nicht damit ermüden; ein paar Federstriche sollen genügen.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1843, Seite 133. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_10._Band_1843.djvu/143&oldid=- (Version vom 15.12.2025)