Seite:Meyers Universum 10. Band 1843.djvu/160
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band | |
|
|
dachen sich, mehr oder minder steil, nach allen Seiten ab. Die Spitze des Aetna wird von der Randmauer des Hauptkraters gebildet, eines furchtbaren Feuerrachens, der über eine halbe Stunde im Umfange groß ist. Hunderte von kleinen Kratern steigen auf allen Seiten, als abgesonderte Hügel mit trichterförmigen Vertiefungen, empor; aber sie sind, obwohl groß genug für sich betrachtet, doch nur Zwerge im Verhältniß zum Hauptkegel, und erscheinen neben diesem wie Maulwurfshaufen.
Der Erdboden des ganzen Bergs ist vulkanisches Gebilde: Lava, in hundert Gestalten, Dichtigkeitsgraden und Farben, mit Zwischenlagern von Gyps und Schwefel, oder Asche. Letztere bedeckt vorzugsweise die höheren Regionen. Quellen schickt der Aetna nur von seinem Fuße der Ebene zu.
Für physikalische Forschung, für Denjenigen, der den Einfluß beobachten will, welchen die Höhe auf das Klima und mittelbar auf den Pflanzenwuchs ausübt, ist der Aetna klassischer Boden. Nirgends vielleicht in Europa sind die verschiedenen Vegetationsgürtel so in die Augen fallend, so scharf begrenzt und können so leicht mit einem Blicke übersehen werden. Schon die Umwohner bezeichnen diese Verhältnisse durch Namen; sie unterscheiden 3 Regionen, die angebaute, die waldige, die nackte. Erstere reicht bis zu 2500 Fuß Höhe. Hier herrscht die üppigste Fruchtbarkeit. Sie offenbart sich in den Weingeländen, den Waizen- und Gerstenfeldern und in den Hainen der Südfrüchte. An den sonnigen Wänden der Mittagsseite ist die Vegetation wahrhaft tropisch. Zuckerrohr und Baumwollenstaude kommen im Freien fort, und zarte Kaktusarten bekleiden an den wasserärmsten Stellen den schwarzen Fels mit buntem Blüthenschmuck. – Der zweite Gürtel geht bis 6000 Fuß Meereshöhe. Die Kinder der Tropen, die Orange und der Oelbaum, sind hier nicht mehr sichtbar, die Mandel entbehrt des fröhlichen Gedeihens, und höher hinan erfreut und lockt auch die Traube der rankenden Rebe nicht mehr von der hohen Ulme. An die Stelle des Mais und des Waizens ist der härtere Roggen getreten; der Hafer fängt an die Gerste zu verdrängen. Aber der eigentliche Herrscher ist der starke Baum des Forsts: die Wälder sind majestätisch und nehmen fünf Sechstel dieser ganzen Region ein. Sie bestehen meist aus Eichen und in den untern Parthien aus Kastanien, die eine fabelhafte Größe erreichen. Manche dieser Stämme haben seit vielen Jahrhunderten Namen, die darauf Bezug haben; so heißt einer der Baum der hundert Reiter; er hat 180 Fuß an der Wurzel im Umfang. Gegen den obern Rand der Region hin nimmt der Baumwuchs ab, und endlich bleibt nichts davon übrig, als die kriechende Wachholder und der Berberisstrauch mit seinen rothen Beerbüscheln. – Der höchste Gürtel geht von 7500 Fuß bis zum Kraterrand. In diesem sind baumartige Gewächse verschwunden. Der Boden ist mit nackter schwarzer Lava und Asche überdeckt, – kaum 10 Pflanzenarten, den Kryptogamen angehörend, findet der Forscher noch in den untersten Theilen des Gürtels auf. – Obschon der Aetna die ewige Schneegrenze
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1843, Seite 150. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_10._Band_1843.djvu/160&oldid=- (Version vom 18.12.2025)