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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band | |
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weit überragt, so bleibt doch, wegen der Wärme seiner Seitenwände, so wenig wie an der Wand einer immer geheizten Esse, der Schnee sehr lange Zeit liegen.
Eine Besteigung des Aetna ist eine schwere Arbeit und erfordert mehr als gewöhnlichen Muth und große Rüstigkeit des Körpers. Sie geschieht am häufigsten von Catanea aus und kostet mindestens ein Paar Tage, oft auch mehre. Die erste Nacht wird in der Regel in dem englischen Hause gerastet, einem 1811 von den in Sicilien wohnenden Briten auf Subscription errichteten Gebäude, das dreizehn hundert Fuß unter dem Hauptkegel liegt, nahe an der Stelle, wo die Sage des Alterthums den Philosophen Empedokles wohnen ließ. Bis dahin kann man allenfalls reiten; dann muß man aber die Maulthiere zurücklassen und den Ueberrest der Wanderung zu Fuß machen. Es kommen Stellen, wo man auf Händen und Füßen zu klimmen hat, und wo dieß auch nicht der Fall ist, wird das Steigen durch die Unsicherheit des Tritts auf der Asche und dem lockern Bimsteingerölle doch äußerst beschwerlich und ermüdend. Den Kraterrand selbst erklettert man in einer tiefen Schlucht, die nichts Anderes ist, als ein Riß im Krater selbst. Der Blick vom Rande in die Tiefe des Feuermunds ist wahrhaft schauerlich. Die ganze innere Wand des Kraters ist mit Schwefelkrystallen von wunderlichen Formen, die Rauch und Ruß schwarz gefärbt haben, überzogen, und die aufgeregte Phantasie macht leicht Teufels- und Mißgestalten von Gnomen und Drachen daraus, die grinzend, verlangend und drohend nach dem neugierigen Wanderer heraufschauen. Tief im Abgrunde ist der eigentliche Kanal, der nach dem Innern der Erde geht. Rauch- und Schwefelqualm brechen aus ihm hervor, leuchtender Erdbrei quillt und strudelt an seinen Ufern, und unter unheimlichem Stöhnen und mit grauenvollem Aechzen schleudert er von Zeit zu Zeit glühende Steine prasselnd empor und gegen die Kraterwände, gleichsam als zürne er seines Kerkers. Es ist ein Entsetzen erregender Gedanke, den Krater hinabzuklettern: und dennoch ist dies mehrmals und mit Glück gewagt worden. Man ist der Feueröffnung so nahe gekommen, daß man Steine hineinwerfen konnte, und hat das Kochen und Brausen im Erdleib deutlich gehört. Ein Franzose, d’Orville, ließ sich an einem um den Leib geschlungenen Strick hinab; zu seinem Erstaunen fand er die Oeffnung geschlossen und an ihrer Stelle ein Gewölbe glühender Lava, aus deren Rissen Blitze zuckten und Flammen, weiß wie Gasflammen, loderten. Es ist also wahrscheinlich, daß der Krater zu Zeiten seine Form ändert.
Unvergleichlich ist die Aussicht von der Zinne des Aetna: „die Erinnerung daran macht den Menschen selig.“ Da kein anderer Gipfel, keine Bergketten sie beschränken – denn die nahen Gebirge Siciliens schrumpfen zu Hügeln ein, betrachtet vor dieser Höhe! – so liegt das Land und das Meer mit seinen Eilanden, fünf und dreißig Meilen in der Runde sichtbar, wie eine Ebene ausgebreitet da; es ist, als ob man in einem Luftballon im Aether schwebte, aber mit dem beseligenden Gefühl, auf festem Boden zu stehen. Man überschaut
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1843, Seite 151. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_10._Band_1843.djvu/161&oldid=- (Version vom 18.12.2025)