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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band | |
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sich in rechten Winkeln und schließen schöne Plätze ein. Unter den Straßen sind die Contrada di Dora, die große, del Po, della Posta und dieNuova die schönsten. Die Bauart der Häuser ist solid, von Backsteinen; manche Paläste sind von Marmor aufgeführt. Balkons gehen aus den Wohnungen auf die Straßen; mehre derselben sind mit fortlaufenden Bogengängen umgeben. Das fashionable Leben legt sich vorzugsweise in der Po-Straße zur Schau, welche an schönen Tagen von glänzenden Equipagen, Reutern und Fußgängern wimmelt. – Turin hat eine Citadelle, denn eine feste Zwingburg darf in einer Hauptstadt nicht fehlen, wo ein absoluter König thront. Sie liegt am Südwestende der Stadt und kann mit ihren 200 Feuerschlünden den 140,000 Bewohnern imponiren. Eine Garnison von mindestens 15,000 Mann ist hinlänglich, um jegliches Freiheitsgelüste, das nach That strebt, im Werden zu ersticken. Die Unterwürfigkeit der Turiner hat sichtlich den Zwang zur Unterlage, und ihre Treue kein höheres Verdienst.
Die Prachtpartie Turin’s ist der Königsplatz, auf den die Façaden der königlichen Residenz, der Kathedrale und des Opernhauses stoßen. Erstere, welche von Viktor Amadeus II. und Karl Emanuel III. ihre jetzige Gestalt bekam, gehört zu den umfangreichsten königlichen Wohnungen und schließt zwei Kirchen, die Bureaux für die Ministerien, die Militärakademie, Münze etc. in sich. Unter den daselbst befindlichen Sammlungen sind der Waffensaal und das Münzkabinet die bedeutendsten. – Der Dom ward um 1470 im Style des Bramante erbaut. Die Dekoration daran ist äußerst reich, aber ganz in der ausschweifenden Weise des Guarini. Auch die übrigen Kirchen zeugen vom Zeitalter des verderbten Geschmacks. Die Architektur ist durchgängig schlecht und wird erdrückt von Ornamenten ohne Geist und Bedeutung. An Schätzen der Malerei findet man auch wenig in den Tempeln; um so reicher ist die königliche Gallerie im alten Palaste. Der größte Juwel derselben ist Raphaels Madonna Della Tenda. Zahlreiche Werke von Bellini, Tizian, Palma Vecchio, Paul Veronese, Bassano, Guido Reni, Guercino, Albano gehören zu dem Besten, was diese großen Meister hervorbrachten. Schöne Niederländer nehmen zwei Säle ein, und von der piemontesischen Schule kann man nirgends einen vollständigern Ueberblick haben. – Das große königliche Theater erbaute Alfieri in edlem Style. Es kann 8000 Zuschauer fassen. Außer diesem hat Turin noch zwei, das Theater Carignan und das neue. Sie werden sehr besucht. Eine Menge wissenschaftlicher Anstalten mit prangenden Aushängeschildern würden auf eine emsige Kultur der wissenschaftlichen Disciplinen und auf vorzügliche Geisteskultur schließen lassen, wenn diese in den Fesseln und in der Finsterniß gedeihen könnten, in welchen der Jesuitismus, mit der politischen Despotie im Bunde, den Unterricht hier gefangen hält. Die Turiner Universität hat 2000 Zöglinge und ist überreich dotirt; die königliche Akademie der Wissenschaften stellt Preisfragen aus und krönt Werke der Geistes: aber diese und alle übrigen derartigen Anstalten geben selten eine Ausbeute von wahrem Werthe.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1843, Seite 160. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_10._Band_1843.djvu/170&oldid=- (Version vom 18.12.2025)