Seite:Meyers Universum 10. Band 1843.djvu/18
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band | |
|
|
Am meisten in Lüttich. Schon aus weiter Ferne kündigt sich diese große Stadt als eine Residenz des Vulkans an. Hunderte von thurmhohen Essen stoßen Rauchsäulen aus, welche eine schwarze Dunstwolke tragen, unter welcher die Stadt wie unter einem Thronhimmel liegt. Weit im Kreise ragen die Hohöfen, Riesenaltären gleich, von deren Zinnen Opferflammen lodern: ein zur Nachtzeit überaus herrlicher, wunderbarer Anblick!
Das Innere Lüttichs täuscht die Vorstellung nicht, welche sein Aeußeres gibt. Massive, hohe, von Rauch geschwärzte Häuser; enge, unregelmäßige Straßen; eine arbeitsrüstige, breitschulterige, grobknochige, rußige, geschäftige Bevölkerung; überall lodernde, prasselnde Essenfeuer, Gestöhne der Dampfmaschinen, Pochen der Hämmer; überall metallenes Gut, da auf-, dort abladend; rasselnde Wagen mit Eisenstäben und hochgethürmte Kohlenfuhren auf allen Straßen. Architektonische Schönheit sieht man wenig; dann und wann einen mittelalterlichen Palast, eine gothische Kirche; zuweilen ein modernes Prachtgebäude, die Wohnung eines reichen Fabrikherrn: das Ganze aber ist ein Bild voller Leben und Eigenthümlichkeit, und es entbehrt nicht jene Behaglichkeit, welche dem Fleiß und der Arbeit im Gefolge gehen.
Lüttich liefert jährlich etwa 160,000 Gewehre, die nach allen Welttheilen verfahren werden; denn selbst die britischen Fabriken können mit den Lüttichern nicht Preis halten. Es gibt Gewehrfabriken, welche über 1000 Arbeiter beschäftigen.
Die Einwohnerzahl Lüttich’s ist in Zunahme und gegenwärtig etwa 65,000. Im Mittelalter war es noch viel volkreicher; im 14ten Jahrhundert stellte es 24,000 Bürger vollständig gerüstet in’s Feld. Fehde und Arbeit theilten damals die Zeit der Lütticher: bald hatten sie Streit mit ihrem Bischof, bald mit den benachbarten Städten, bald mit den Fürsten Burgunds, und ihre Kriegslust und Tapferkeit machte sie zu überall gefürchteten Feinden. Aber aus diesem Hang zur Rauferei erwuchs ihnen am Ende des 15ten Jahrhunderts Verderben. Die verbündeten Könige von Burgund und Schottland belagerten, um den Mord eines Lütticher Fürstbischofs, Ludwigs von Bourbon, zu rächen, 1486 die Stadt, und nach einer langen, heldenmüthigen Gegenwehr nahmen sie den vom Hunger bedrängten Ort an einem Sonntage durch Sturm ein. Was an wehrhaften Einwohnern übrig war, wurde erschlagen, die Stadt sechstägiger Plünderung und allen denkbaren Gräueln der rohen, würglustigen Kriegshorden preisgegeben, dann an 100 Ecken zugleich angezündet und der Erde gleichgemacht. Carthago’s Schicksal war nicht schrecklicher als das seinige. Bloß einige Klöster, deren Erhaltung die gekrönten Würgengel aus Frömmelei und bei Todesstrafe geboten hatten, blieben auf der Trümmerstätte stehen. Wie aber aus der Wurzel einer vom Sturme zerschmetterten Eiche wieder Schößlinge treiben, so wuchsen im Laufe der Jahre wieder die Straßen aus dem Schutte heraus, und wenn auch der Glanz der früheren Tage noch nicht ganz wiederkommen konnte, so ist doch die Stadt eine der blühendsten des Landes. –
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1843, Seite 8. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_10._Band_1843.djvu/18&oldid=- (Version vom 26.11.2025)