Seite:Meyers Universum 10. Band 1843.djvu/197
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band | |
|
|
Im nördlichen Theile des Friedhofs hat der Tod die werthloseste Aerndte aufgespeichert; er ist angefüllt mit Denkmälern von Menschen ohne That, aber mit langen Namen, und die Kunst der Wappenbildnerei war hier sehr fleißig. Er ist das aristokratische Viertel der Todtenstadt. das Stickmuster von farbigen Feldern mit Klauen- und Schnabelthieren aller Art in Marmor und Erz. Nur ein großer Mann hat hier sein Grab: Junot, der menschliche Sieger, der, wenn er in den feurigen Schlachtentod stürzte, im Auge den Feind hatte, im Herzen die Liebe.
Nicht weit von Junot deckt eine Marmorsäule ein gebrochenes Herz: „Gräfin von der Mark“ heißen es die goldenen Lettern, eine Prinzessin von Preußen ist es, die illegitime Tochter König Wilhelm’s II. – Auch die Gattin des Fürsten Demidoff ruht in Père la Chaise, und der colossale Reichthum ihres Galten drückt auf das zarte Wesen mit überschwenglicher Marmorlast. Sie starb in der Blüthe des Lebens. – Doch wie oft liegen Traualtar und Grabhügel nahe bei einander, wie oft hat hier Hymens Fackel als Trauerkerze geleuchtet, wie oft gingen hinter diesen Todtenhügeln verwaisten Aeltern ihre ermatteten Ideale zum zweiten Male in den davon ziehenden Söhnen und Töchtern unter! Wie viele Hoffnungsfrühlinge sind hier verschwunden, wie viele Thränen tränkten diese kleine Spanne Erde! In jedem Thautropfen an Bäumen und Blumen kann man eine Perle der Trauer und des Schmerzes liebender Menschenherzen glänzen sehen. –
Stirbt aber nicht seit Jahrtausenden in jedem Jahre ein Frühling, und läßt die Auferstehungshoffnung auf den neuen jemals vergeblich warten? Darum – meine Brüder und meine Schwestern, die wir noch draußen stehen im Abendrothe des Lebens und hinüber blicken auf theure Gräber! – seyd eingedenk, daß die Frühlinge wiederkehren, und seyd getröstet.
„Schweig’ denn du o Thräne, die in Wehmuth Trost weint,
Mach’ das Herz nicht weich, fließe nicht mehr!
Ist am Ziel denn nicht Vollendung?
Folgt der Grabesnacht nicht junger Morgen?“
(Klopstock’s Messias.)
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1843, Seite 187. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_10._Band_1843.djvu/197&oldid=- (Version vom 2.1.2026)