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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band | |
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Wie die Alpen die Scheidewand zwischen Italien und Deutschland, den Völkern germanischer und lateinischer Abkunft, bilden, so trennt der Balkan die Nationen hellenischer und slavischer Art. An dem hohen Gebirgswall, der vom schwarzen bis zum adriatischen Meere reicht, brach sich vielmal die Fluth der Menschenströme, vielmal die Ländergier der Eroberer. Doch nicht immer. Beim letzten Akt der Völkerwanderung, dem Ausbruch der Türken aus den tartarischen Steppen, nachdem sie das in Fäulniß ersterbende Reich der Byzantiner verschlungen hatten, überstiegen sie den Balkan und zertrümmerten die dortigen schwachen Reiche. Seitdem sind die überwundenen Völker hörige Knechte des Osmanenreichs geworden, rechtlos hingelegt unter den Fuß der Sieger. Keine moralische Verpflichtung, kein Vertrag knüpft diese Nationen an ihre Kette; die aufgedrungene Sklaverei tragen sie daher auch nur so lange, als die Unterdrückung mächtig ist, die auf ihnen liegt; läßt aber ihre Kraft nach, dann sieht man sie zum Schwerte greifen und versuchen, die Banden zu zerhauen und heilige Rechte zu vindiziren, welche keine Tyrannei auslöschen kann. So ist seit langer Zeit kein Jahrzehnt verflossen, wo nicht der Aufstand eines mißhandelten Volks in diesen Gegenden das türkische Racheschwert herbeilockte, wo nicht Europa zusehen mußte, wie die rohe Uebergewalt niedergeschmetterten Bevölkerungen alle Adern aufriß, damit das Blut aus tausend Wunden auf die Erde rinne und der innere Empörungsdrang in physischer Ohnmacht verende. Ohne irgend eine Sympathie für die Länder und Völker, die dem türkischen Schwerte gehorchen, ohne irgend eine Theilnahme für ihr Wohl und Wehe, nur den Standpunkt des Eroberers festhaltend gegenüber den Ueberwundenen, vergeht bei einem Zuge der Türken gegen aufgestandene Provinzen das Leben wie Staub auf ihrem Wege; kein Erbarmen, kein menschliches Gefühl hat sich jemals ihrer rasenden, reißenden Gewalt genaht; Städte hat sie in ihren Wirbel wie leichte Spreu umher getrieben, ganze Bevölkerungen standrechtlich gerichtet, weite Landschaften wüste gelegt. Noch heute, obschon das entartete, verweichlichte Geschlecht Osmans kaum noch so viel Kraft hat, um die Zügel des Reichs zu halten, sehen wir, wie die türkische Regierungskunst den religiösen Fanatismus, die Zügellosigkeit und Raubsucht der wilden Horden mohamedanischer Stämme benutzt, um sie gegen die christlichen Unterthanen zu hetzen, wie Bluthunde auf scheues Wild.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1843, Seite 234. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_10._Band_1843.djvu/244&oldid=- (Version vom 7.1.2026)