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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band | |
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schmückt, wie der Säulenvorhof einen Tempel des Osiris. Die Straße folgt der Felsschlucht nach jeglicher Windung, bis man, wie ein Geiersnest an der Felszinne, auf steiler Höhe Tirnova liegen sieht.
Hinter Tirnova beginnt die zweite, höhere Gebirgsregion. – Nach zweistündigem Aufsteigen wird wieder ein Wohnort menschlicher Wesen erreicht: es ist Gablowa, ein regsames Bergstädtchen. Seine Lage ist einzig. Ein krystallheller Strom stürzt über breite Felsstufen in ein Dutzend schäumender Kaskaden nieder und an jede sind Hammerwerke gebaut, deren Getöse noch lauter ist, als das Toben der Fluthen. Aus allen Häusern sprüht rothe Gluth durch die weitgeöffneten Pforten und gucken Cyklopengestalten heraus. Das Eisen, das hier gemacht wird, ist das beste in Bulgarien, und täglich kommen ganze Züge von Maulthieren und Pferden, um es abzuholen und in die Gegend zu verführen. –
Hinter Gablowa tritt die Straße in die dritte Region des Gebirgs. Die prächtigen Waldungen schrumpfen nach und nach zu niedrigem Buschwerk zusammen; Wildbäche stürzen von den steilen Bergstufen und verlieren sich in tiefe Schluchten, in welchen das ganze Jahr hindurch Schnee und Eis nicht schmelzen. Die höchsten Kuppen sieht man selbst noch im August mit Schnee bedeckt, und schon im September legen sie das neue Winterkleid wieder an. Auf menschliche Wohnplätze trifft man nicht mehr. Nur dann und wann steht hart am Wege ein kleines Häuschen, das bei eintretendem Unwetter einen ärmlichen Schutz für Menschen und Thiere bietet.
Die höchste Zinne des Passes wird 4 Stunden über Gablowa erreicht. Herrlich ist von diesem über 7000 Fuß hohen Punkte die Aussicht. Rückwärts und zu beiden Seiten irrt das Auge in der labyrinthischen Bergwelt umher, aus der hundert und aber hundert Kegel und Spitzen wie Riesen und Thürme aufstarren; vorwärts aber öffnen sich die gesegneten Gefilde Rumeliens. Wie eine Landkarte liegt die Landschaft ausgebreitet zu den Füßen. Kleine und große Flüsse durchziehen sie wie Silberfäden, sie ist übersäet mit Städten und Dörfern. Das Auge sucht am Horizont die Säulenthürme der Constantinsstadt, die Gestade des Hellesponts und des Bosporus, die Marken zweier Welttheile.
Unser Stahlstich versinnlicht die grandiose Szenerie des Balkanpasses unweit Gablowa.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1843, Seite 236. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_10._Band_1843.djvu/246&oldid=- (Version vom 7.1.2026)