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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band | |
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In unsers großen Vaterlandes südwestlicher Ecke liegt eine Landschaft, über welche eine heitere Natur das Füllhorn ihres Segens ausgegossen hat, bewohnt von Menschen, in denen deutsches Gemüth noch frische Triebe treibt, und biederer, redlicher Sinn noch die Regel ausmacht, – das liebe Schwabenland.
Der Kern dieser Landschaft, welche Natur, Sage und Geschichte wetteifernd schmückten, bildet ein mit Hügelmassen besetztes Plateau, welches im Westen und Osten von Gebirgszügen begrenzt ist. Der westliche Zug ist der Schwarzwald; wie ein Dach senkt er sich gegen die Ebene herab, während südöstlich jäh und steil die Alb ansteigt. Beide Höhenzüge nähern sich einander im obern Neckarthale bis auf eine halbe Stunde; jenseits geht die Landschaft weit auseinander und verflächt sich in die Ebenen des Mains und der Jaxt. Von der Alb, im Süden, breitet sich die Hochebene Oberschwabens bis zur Donau und bis zum Bodensee aus und bildet die Grenze des Ganzen.
Das Prachtstück dieser schönen Landschaft, in welche Baden und Würtemberg sich theilen, ist das Neckarthal: heiter ist’s und überaus fruchtbar. Rankende Reben kleiden seine Gelände, Obstwälder seine Höhen, lustige Wiesengründe und bunte Auen und Saatfelder die Seiten des Stromes, auf dessen Wogen in Dampf- und Segelschiffen, in Boten und Barken ein rüstiges Leben sich schaukelt. Städte, Flecken und Dörfer, reinlich und schmuck, bald in das breite Stromthal, bald in die Seitengründe gebettet, bald die Gehänge hinan gebaut, bald auf den Scheiteln der Höhen gelagert, wie Italiens Städte, oder hinter Obsthainen verborgen, bieten dem Auge liebliche, immer wechselnde Scenen dar, und der Ausdruck der dichten Bevölkerung zeigt im Allgemeinen Intelligenz und Zufriedenheit. Daß im Neckarthale nicht die Hauptstadt des Landes gebaut worden ist, müßte Wunder nehmen, wüßte man nicht, wie ungeschickt oder unglücklich die Gründer von Landeshauptstädten und fürstlichen Residenzen in der Ortswahl gemeinlich waren, und wie Laune und Zufall dabei so oft ihr arges Spiel getrieben. Man denke an Madrid, Berlin, München, Darmstadt! Würtemberg war darin doch minder unglücklich; denn Stuttgart’s Lage ist, wenn auch eine bessere Wahl getroffen werden konnte, doch in der That recht schön und, weil fast in der Mitte des Königreichs, ist sie auch zweckmäßig.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1843, Seite 30. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_10._Band_1843.djvu/40&oldid=- (Version vom 30.11.2025)