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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band | |
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Des Schwabenlandes Königsstadt nimmt mit ihren Gärten und Anlagen den größten Theil der kesselförmigen Ausweitung eines Thals ein, über welches die südliche Natur des nahen Neckarthals noch einen Theil ihres Segens ausgoß. Am schönsten ist die Fernsicht Stuttgart’s von den Höhen um Cannstatt. Da prangen im Vordergrunde die königlichen Lustschlösser Bellevue und Rosenstein auf ihren Höhen, und zwischen ihnen, im Hintergrunde, fällt der Blick auf die Häusermasse der Hauptstadt, von den Eßlinger, Bosper- und Hasenbergen umgeben, und überragt von den königlichen Schlössern, der Solitude und den vielen Landhäusern auf den Höhen.
Unser Bild zeigt uns Stuttgart viel näher. An der äußersten Linken, halbverdeckt von dem Berge, sehen wir ein Gebäude von imponirenden Verhältnissen: es ist das königliche Residenzschloß. Man nennt es das neue. Es wurde 1746 begonnen, brannte aber vor der Vollendung, 1762, größtentheils nieder. Erst der letztverstorbene König hat es ausgebaut. Man kann vor diesem Hause und in seinem herrlichen Innern, das alle Künste wetteifernd schmückten, vergessen, daß Würtemberg das kleinste Königreich in Europa ist. Es ist ein regelmäßiger Prachtbau, der auf den ersten Blick dem Beschauer sagt: hier wohnt ein König. Und der König ist gut. Ein kluger, kräftiger, wohlwollender, braver Fürst, dessen Gemüth kein Arg in sich hegt, mit einer Gesinnung, die dem Rechte nichts vergibt, aber versöhnlich doch über den Parteien steht, ist er im Kreise der deutschen Fürsten die beruhigendste und erquicklichste Erscheinung unserer Gegenwart. Würtemberg ist wirklich glücklich unter ihm und genießt die Früchte eines alles Preises würdigen Vertrauens und Zusammenwirkens zwischen Volk und Regierung in reichem Maße. – Neben der Residenz erscheint das hochgethürmte alte Schloß, wo man noch manche Merkwürdigkeiten und Curiosa sehen kann. Es ward 1553 zu bauen angefangen, und bis Ende des 17ten Jahrhunderts ist vielfach daran gebessert und erweitert worden. Der tiefe Graben, der es ehemals umgab, und wo die jagdlustigen Fürsten ein Rudel Hirsche gefangen zu halten pflegten, die sie aus den Zimmerfenstern schießen konnten, ist jetzt ausgefüllt und dadurch ein großer Theil des Baus in der Erde verborgen. Die einst berühmte unterirdische Mühle ist auch nicht mehr vorhanden. – Zunächst dem alten Schlosse guckt die alte Stiftskirche hervor, mit der Gruft der fürstlichen Familie und sehenswerthen Grabmonumenten; von ihrem gewaltigen Thurme schallt die große Glocke, Osanna, seit Jahrhunderten den Stuttgartern zu Freud und Leid. – Jenes Giebeldach, der Stiftskirche zur Rechten, gehört dem Theater an. Es ist eines der ältesten in Deutschland und bestand schon Ende des 16ten Jahrhunderts. Fast alle Erzeugnisse der deutschen dramatischen Dichtkunst gingen über diese Bühne. – Der Thurm, der die übrige Häusermasse überschaut, ist jener der Hospitalskirche, deren Altar Dannecker mit dem Modell seiner Christusstatue sinnig schmückte. Der Greis feierte damit die Stelle, wo er fünfundsechzig Jahre zuvor zum Erstenmal an des Herrn Tisch gegangen war.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1843, Seite 33. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_10._Band_1843.djvu/43&oldid=- (Version vom 30.11.2025)