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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band | |
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Nach diesem Blick auf die Einzelheiten unsers Bildes noch eine Ueberschau des Ganzen!
Stuttgart ist nicht alt und aus gar kleinem Anfang groß gewachsen. Noch im 12ten Jahrhundert war’s ein armer Flecken, oft ein Fehde- und Tummelplatz von den adelichen, raublustigen Rittergeschlechtern, deren sieben Burgen die zunächst gelegenen Höhen einnahmen. Der wackere Habsburger kam auf seinem heiligen Zuge zur Züchtigung des hochgebornen Raubgesindels auch hierher und zerstörte ihre Nester mit einander. Nach seinem Abzuge nahmen die eingeschüchterten Schnapphahn-Familien ihre Wohnsitze in der Stadt, bauten sich daselbst Schlösser, und die würtembergischen Grafen verlegten dahin erst ihr Erbbegräbniß, dann ihre Residenz. Doch hatte Stuttgart bis in die Mitte des 18ten Jahrhunderts noch nicht über 10,000 Einwohner. Seine große Zeit begann erst, als Napoleon dem Fürsten Würtembergs eine Krone aufsetzte: nämlich unter dem letztverstorbenen Könige. Ganze Stadtviertel erhoben sich neu und seitdem ist Stuttgarts Verschönerung und Erweiterung unausgesetzt fortgeschritten. Es hat jetzt an 100 Straßen (unter welchen die Königsstraße die schönste ist) und über 2500 Häuser, mit einer Bevölkerung von mehr als 45,000 Einw. – Außer den bereits genannten Gebäuden zeichnen sich durch Umfang und Schönheit die Palais des Kronprinzen und der Prinzessinnen, das Postgebäude, der Bazar, das Kanzleigebäude und die neue Kaserne aus. Den alten Schloßplatz schmückt die Statue Schiller’s, des Schwabenlands Stolz für alle Zeiten.
Stuttgart gilt in Süddeutschland als der Centralpunkt des geistigen Lebens und es hat gerechten Anspruch auf diese Ehre. Der Adel spielt hier nicht die überall bevorzugte Rolle, welche ihm an andern Residenzen zugetheilt ist, und der Beamtenstand findet in der Menge von privatisirenden Gelehrten und in einer großen Anzahl Individuen aus den bürgerlichen Ständen, welche wissenschaftliche Durchbildung besitzen, das Gegengewicht seiner Geltung. Daher sind die Stände hier weniger scharf geschieden, als in andern Hauptstädten Deutschlands; ein ächt geselliger, gemüthlicher, für alles Schöne und Nützliche empfänglicher Sinn ist lebendig und er macht jenen großartigern Sinnengenuß entbehrlich, den man in umfangreichern Hauptstädten findet. Die allgemeine Bildung wird durch die vorhandenen zahlreichen Sammlungen und Lehranstalten unterstützt und gepflegt, und sie äußert sich in einer Menge Vereine zu wissenschaftlichen oder philanthropischen Zwecken, welche ohne jene weder entstehen, noch dauern könnten. So besteht hier ein landwirthschaftlicher Verein mit einer über das ganze Königreich sich erstreckenden, fruchtbaren Wirksamkeit; ein botanischer Reiseverein, der zum Zweck hat, junge Naturforscher auf Untersuchungsreisen auszusenden; ein Centralverein für Handel und Gewerbe, welcher der Industrie und dem Verkehr in weiten Kreisen Vorschub leistet; eine Gesellschaft zur Verbesserung des Weinbaus, und ein pomologischer Verein mit Musteranlagen für Obst- und Rebenkultur; ein Wettrennverein für die Hebung würtembergischer Pferdezucht, der jährlich an
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1843, Seite 34. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_10._Band_1843.djvu/44&oldid=- (Version vom 30.11.2025)