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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band | |
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„Wie gefällt Ihnen Wien?“ – Ich habe es noch nicht gesehen. „Wie? sind Sie nicht schon zwei Monate bei uns?“ – Bisher sah ich nur Fragmente Ihrer Hauptstadt. Der Totaleindruck fehlt mir noch. Ich kam mit dem Dampfschiff des Nachts an, und seitdem haben mich die interessanten Dinge und Menschen in meiner Nähe wie in einem Zauberkreise festgehalten. – „Warten Sie“ – sagte mein Freund – „morgen früh sollen Sie Wien sehen. Um 5 Uhr rufe ich Sie ab.“
Der Freund war pünktlich. Ehe noch die Sonne über die hohen Häuser schien, wanderten wir schon durch die schlummernden Straßen dem Wienerberge zu.
Ein prächtiger Maimorgen lachte uns entgegen. Wir gingen zwischen blühenden, sprossenden Gärten und an lichtgrünen Saaten hin, die Höhe hinan. Der zusammengesunkene Sonnenduft wallte und leichte Nebel zogen über die Erde hin wie silberne Schleier. In den Lüften jubelten die Lerchen, in den Büschen flöteten Nachtigallen, Zeisige zwitscherten, es schmetterte der rothbrüstige Fink, die Bienen summten und tausende von Käfern schwirrten voll Lust. Von den Baumwipfeln herab tönte Rauschen, als liefe die allmächtige Hand leise über das Saitenspiel der Schöpfung. Im Aether war Nachklang wie Jauchzen und die unsichtbaren Geister des Frühlings zogen als strömende Düfte vorüber. Die Wonne preßte unsere Seelen: – herrlich! herrlich! riefen wir einmal über das Anderemal aus, als der verstärkte Odem des Windes alle Düfte und alle Blüthen unter einander mengte und der ferne Wald mit seinem Baßbrausen hörbar wurde und Chorus machte zur allgemeinen Feier. So kamen wir zur Höhe, wo jene alle Denksäule steht, die unter dem Namen „die Spinnerin am Kreuze“ einen ganzen Sagencyklus um sich geschaart hat. Auf den Stufen des Monuments setzten wir uns nieder. Unsere Seelen waren trunken, unsere Körper ermüdet; wir suchten Ruhe.
Der Wind hatte sich gelegt; ein silberweißer Dunstschleier umhüllte die ganze Tiefe; das Auge suchte die Kaiserstadt vergeblich. Auf der Stelle ihres unermeßlichen Häuserchaos und des lachenden Donauthals sahen wir ein Nebelmeer, begrenzt von fernen Gebirgen. Glänzend und wallend hob es sich bald, bald senkte es sich wieder, wie ein zwischen Vorsatz und That schwankendes Menschenherz. Der Ruhe und des Genusses froh,
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1843, Seite 45. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_10._Band_1843.djvu/55&oldid=- (Version vom 4.12.2025)