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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band | |
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folgten unsere Blicke den Spielen des Nebels, und der Gedanke, daß wir den eigentlichen Zweck unsers Ausflugs missen könnten, beruhigte uns nicht.
Da rauschte es plötzlich in den Wipfeln, der Wind erhob sich, und vor dem frischen Hauche des Ostens zerriß der verhüllende Schleier im Nu. Aufgethan lag vor unserm Auge die Tiefe wie ein Tempel, über dem sich der blaue Himmel als Decke wölbt. Glänzend und funkelnd im Morgensonnenstrahle, wie eine reiche, geschmückte Braut, breitete sich die Stadt aus, und ihr zur Seite schimmerten die Silberfluthen der Donau und die grünenden, blühenden Auen, und auf der bethauten Ebene brach sich das Licht des Sonnenfeuers in allen Farben. Die Fernen umfaßte ein Alpengurt, und an den nähern Bergen hingen Wälder wie grünes Moos. Mein Freund ergriff meine Hand, ich drückte sie dankend, und er rief mit einem Blicke, in dem sich Stolz und Freude mischten: „Sehen Sie dort unser Wien: wie schön!“
Und in der That konnte kein Punkt besser gewählt seyn. Man übersieht vom Wienerberge aus die Metropole eines Blicks in ihrer ganzen Herrlichkeit und Pracht, man sieht sie in der Fülle ihres Lebens und fühlt die ganze Bedeutung ihres Daseyns. Zu drei Seiten umfangen von den Armen der waldgeschmückten, mit Schlössern und Landsitzen gekrönten Berge, gleicht sie der Arena eines ungeheuern Cirkus, wo ein ganzes Volk sich im Wett- und Kampfspiel des Lebens drängt. Die ragenden Thürme erscheinen wie die Marksäulen der Rennbahn und des Stephans grauer Riese wie das Ziel, hinter welchem die Richter die Preise vertheilen. Es liegt eine Wahrheit in diesem Bilde. Wie viele Tausende ziehen nicht fort und fort dieser Arena zu, von keckem Muthe und frohen Hoffnungen umflattert, oder vom Feuer der Ehrsucht durchglüht, um einen Standpunkt im äußern Leben zu gewinnen, wo sie im Nebel, in Glanz, oder in Regenbogenfarben gesehen werden können! Wie Viele auch betreten hier ihre Laufbahn, begeistert für Alles, was groß ist für den Menschen: für Pflicht, Vaterland, Freiheit, Ruhm, und mit dem Vorsatz, redlich nach dem einen, rechten Ziele zu ringen! Jedoch wie Wenige gehen bekränzt als Sieger aus jenen Kämpfen und von diesem Rennen für Schein oder Wahrheit! Wie Wenige erreichen ihren irdischen Zweck ganz, und wie noch viel Wenigere nehmen die Palme mit hinüber in das weite Land des Friedens! Doch haben diese vor jenen den Vortheil, daß, wenn auch das höchste Ziel nur Einzelne erreichen, dennoch kein Streben für’s Gute und Rechte im All nutzlos und fruchtlos ist, und es nicht ohne einen Antheil an der Zeit- und Völkerbeglückung bleibt. –
Selbst bei hellem Wetter ist schwer zu unterscheiden, wo eigentlich die Marken der Hauptstadt beginnen, oder endigen. Bei der Entfernung des Standpunktes rücken nämlich alle die vielen Orte, welche 1 bis 2 Stunden von Wien liegen, mit ihren Gärten und Saaten und Rebenhügeln den Vorstädten so nahe, daß sie dem Auge als ein zusammengehörendes Ganze erscheinen. So stellt sich Wien, gleichsam prophetisch, schon als das dar,
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1843, Seite 46. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_10._Band_1843.djvu/56&oldid=- (Version vom 4.12.2025)