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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band | |
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Nun hinab in die Katakomben des Sankt Stephan! –
Eine kleine Pforte an der Außenseite der Kirche bildet den Eingang in diese weiten Hallen des Todes; ein zweiter führt aus der Wohnung des Pförtners dahin, und dieser letztere ist der gewöhnliche. Der Führer reicht jedem Fremden ein Licht; er selbst zündet eine Wachsfackel sich an, und so gerüstet beginnt die Fahrt. Ein schmaler, schlechtgewölbter Gang führt zuerst zu einer großen steinernen Treppe. Man steigt hinab und es öffnen sich weite, kellerartige Gewölbe. Zu deren Seiten sind Gerippe, Schädel, Knochen in schöner Ordnung hoch bis an die Decke aufgeschichtet und fort geht der Zug zwischen Wänden menschlicher Gebeine.
Plötzlich hält der Führer still. Er warnt, vorsichtig nähert er seine Fackel dem weiten Rande einer ungeheuern Gruft, die senkrecht in unbekannte Tiefen hinab führt. Das Licht fällt hinein: welch ein Anblick! nackte Todtengerippe, ohne Särge, in unendlicher Zahl, grinzen im wilden Durcheinander aus der Tiefe. Noch decken die Häute, zu Pergament verwandelt, die Glieder, denn in dieser Gruft verwesen die Leichen nicht, sie vertrocknen blos, wie unter dem Bremer Dom. Man erkennt noch die Züge, den Ausdruck, den Charakter der gespenstigen Gestalten, und während Du mit Schauergefühl in den Abgrund starrst, bückt sich der alte Mann über den Rand der Gruft hinab, und faßt eines der Gerippe, hebt es hoch empor und schwenkt seine Fackel so, daß Du alle Formen der Schreckensgestalt gewahren magst; – dann schleudert er sie wieder hinab in den Abgrund, und das Mark in den Knochen erbebt Dir vor ihrem Rasseln. Er nimmt ein zweites und drittes und viertes auf – einen Mann, ein Weib, ein Mädchen – und ladet ein, die Haut zu betasten, da sie noch nachgiebig sey, oder trommelt mit dem Finger auf der hohlen Brust. Während dieser Demonstrationen flattern aufgescheuchte Fledermäuse um die Lichter und der Mann warnt, die Hand vorzuhalten, daß sie nicht erlöschen. – Weiter geht’s durch lange Gänge voll Gebeine, bis zu einer Halle, die wahrscheinlich in ältester Zeit als Todtenkapelle gedient hat. Undeutliche Massen von Schutt erheben sich vom Boden – lange dauert’s, ehe das Licht den weiten Raum erhellt und das Auge die Gegenstände unterscheiden kann; – kletternd folgt man dem Führer auf eine Schutthaufenspitze und schaut um sich: welche gräßliche Scene! Du siehst Dich auf Menschen stehen, denn aus Menschengerippen bestehen alle diese Haufen – und Leichname, noch mit der Haut bekleidet, grinzen aus jeder Ecke und von allen Wänden in allen Stellungen Dich an. Wer das jüngste Gericht Michel Angelo’s in der Peterskirche mit Schaudern sah, – hier findet er eine tausendmal gräßlichere Wirklichkeit wieder. Abermals treibt der alte Mann seine Kurzweil mit den Todten: bald zeigt er Dir einen „schönen Mann,“ bald ein „schönes Weib“ – und er sucht und wühlt in den Gerippen umher, Dir noch mehr zu zeigen, bis Du, voll Ekel und Entsetzen, es ihm wehrst, und ihn zum Aufbruch treibst. Ehe er Dich aber den Rückweg leitet, führt er Dich zu einer zweiten, tiefen
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1843, Seite 54. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_10._Band_1843.djvu/64&oldid=- (Version vom 5.12.2025)