Seite:Meyers Universum 10. Band 1843.djvu/89

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
CCCCXXXIX. Schloss Laxenburg bei Wien.




Paris hat sein Versailles, London sein Richmond und Greenwich, Berlin sein Potsdam; Wien aber hat mehr als alle diese Städte, denn in einem Umkreise von wenigen Stunden besitzt es die schönsten Szenerien, von den lieblichsten an bis zu jenen, die durch ihre Wildheit und Romantik Auge und Seele fesseln. Wien liegt gleichsam im Mittelpunkte des großartigsten Parks, und jeder Ausflug von diesem Mittelpunkte führt zur Entdeckung neuer Schönheiten und Reize.

Ein Ausflug nach Laxenburg füllt einen Tag auf das Angenehmste aus. Das Schloß ist der gewöhnliche Aufenthalt des Kaisers in der schönsten Jahreszeit. Es liegt 3 Stunden von der Hauptstadt entfernt und ist durch Alleen mit dem nahen, noch größern Lustschlosse Schönbrunn verbunden. Schon 1377 bewohnte Herzog Albert hier eine Burg, von welcher der Rittersaal und einige Gemächer erhalten sind. Der Hauptbau des jetzigen Schlosses wurde um das Jahr 1600 aufgeführt und jeder Fürst der spätern Zeiten schmückte daran, oder verschönerte und erweiterte die Parkanlagen, welche, über eine Quadratstunde groß, Berg und Thal bedecken. Die reizendste Zuthat ward ihm aber von dem verstorbenen Kaiser in seiner Franzensburg, die er auf einer Insel inmitten einer krystallhellen Wasserfläche, sich erbauen ließ.

Von allen Nachahmungen der Burgen des Mittelalters, welche in unserer Zeit versucht worden sind, ist Laxenburg ohne Widerrede die gelungenste. Mittelst eines kleinen Kahns, der an Seilen sich fortbewegt, gelangt man über den mit Schwänen besetzten Schloßgraben hinüber zum Burgthor, das in den großen Hof führt. Von da macht ein Diener des Kastellans den Wegweiser.

Die ganze innere Ausschmückung ist mit Pracht und Geschmack im Style des 15ten Jahrhunderts gehalten. Im Rittersaale sieht man eine reiche Sammlung von Rüstungen und Waffen aufgestellt, worunter Vieles, das Helden und Fürsten angehörte, deren Degen und Thaten die Blätter der Geschichte schrieben. Trophäen vergegenwärtigen jene Kämpfe Oesterreichs, durch welche es der Türken Macht erst einen Damm entgegensetzte und dann sie brach. In einer Halle stehen die Marmorstatuen der Kaiser aus Habsburg’s Stamm, seit