Seite:Meyers Universum 10. Band 1843.djvu/90
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band | |
|
|
Rudolf. Alle Wände und Decken der Zimmer sind mit kunstvoller Schnitzarbeit bedeckt, und Oesterreichs Klöster, Schlösser und Kunstsammlungen steuerten ihr Bestes, um die Liebhaberei des alten Franz an solchen Dingen zu erfreuen. Damit jedoch nichts fehle, dem monumentalen Konterfei der Feudalzeit Kraft und Wahrheit zu geben, so ist auch eine unterirdische Folterkammer zu schauen und ein Burgverlies. In letzterem liegt, mit Ketten schwer beladen, die Gestalt eines Templers, und tritt man näher, so erhebt der Automat die Hände und ringt sie, mit den Ketten rasselnd. Neben der Burg ist der Turnierplatz mit den Schranken und den Sitzen der Preisrichter und den Söllern der Damen. Für die ritterlichen Spiele fehlen bloß – die Spieler: man hätte Automaten hinstellen sollen, wie dort, im Verlies.
Keine größere Tücke kann das Schicksal gegen große Menschen üben, als wenn es sie am Schlusse einer alten Zeit erscheinen läßt. Sie sind dann nur die Leichensteine begrabener Geschlechter und ihr Ruhm dient der altermüden Zeit zum Schemel. Wenn sie aber, von den Verhältnissen begünstigt, Menschen hoch auf die Zinne einer neuen Zeit stellt, welche die Fähigkeit nicht haben, sie zu leiten und zu beherrschen, dann wachsen sie schüchtern in die gestorbene hinein und sie suchen Behaglichkeit in den Formen einer Vergangenheit, die ihrem Sinne und ihrem Trachten befreundeter scheint, als die Gegenwart. Wundern wir uns darum nicht, wenn die Burgen wieder wachsen auf den Bergen und an unserm Rheine die bunten Flaggen mit den fürstlichen Wappen von den Mauern wehen, auf welchen wir Männer als Knaben Käuzchen jagten und Himbeeren pflückten! Mancher thut’s wohl nur dem Andern nach, eben weil’s ein Anderer vor ihm gethan hat: aber das Wohlgefallen daran verräth den geheimen Zug des Herzens und ich wette darauf, so lange man neue Dächer auf die alten Burgen setzt, so lange wird auch der Schutt des Mittelalters und seiner Institutionen nicht weggeräumt werden, der einer zeitgemäßen bürgerlichen Ordnung den Platz wegnimmt. –
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1843, Seite 80. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_10._Band_1843.djvu/90&oldid=- (Version vom 8.12.2025)