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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band | |
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Klein-Rom. Nach dem Falle des Reichs barbarischen Völkern preisgegeben, seines Glanzes entkleidet und von ihnen verwüstet, sank es zu einem Fischerdorfe herab. Jetzt ist es ein am Busen von Bajä anmuthig gelegenes Landstädtchen von 8000 Einwohnern, welches nichts Merkwürdiges aufzuweisen hat, als die Reste der Vorzeit.
Das imposanteste Zeugniß von seiner einstigen Größe ist das Amphitheater. Es konnte über 40,000 Menschen fassen. Seine Form war jene des römischen Colliseums, ein Oval, und es war aus Quadersteinen in zwei Stockwerken erbaut, welche Säulengallerien verzierten. Jahrhunderte lang wurde von den Neapolitanern dieser Riesenbau als Steinbruch ausgebeutet. In seinem zerbrochenen Gehäuse hat jetzt der heil. Januarius eine Kapelle, der, wie die Legende erzählt, hier auf Befehl Diokletian’s den wilden Thieren vorgeworfen wurde, die ihn aber verschonten, worauf er enthauptet wurde. Unterirdische Kanäle standen mit dem Lago d’Averno in Verbindung, um, wenn das Amphitheater zu den naumachischen Spielen benutzt wurde, die Arena in einen See zu verwandeln.
Ein bloßer Schutthügel bezeichnet jetzt die Stelle des einst so berühmten, mit hundert Säulen geschmückten Dianentempels. Desto besser ist der Tempel des Augustus erhalten; er dankt dies dem Umstande, daß auf dem Altar, wo die Statue des Kaisers zur Verehrung ausgestellt war, das Bild des Gekreuzigten steht. Der Tempel ist nämlich die Kathedrale von Pozzuoli geworden. Er ist ganz von Marmor aufgeführt und mit griechischen Säulen korinthischer Ordnung verziert, die ein trefflich gearbeitetes Architrav tragen. Würde dieser schöne Bau aus der besten Zeit von den Zuthaten des christlichen Kultus, die ihn entstellen, befreit, so würde man an ihm eines der interessantesten und vollkommensten Muster des römischen Tempelstyls besitzen.
Die Ueberreste des einst so berühmten Molo von Puteoli, eines großen Werkes des Alterthums, zeigen sich noch in dreizehn, aus dem Meere hervorragenden, ungeheuern Pfeilern. Hier ankerten die Handels- und Kriegsflotten der alten Welt, und von diesem Hafendamme aus führte der Wahnsinn des Caligula jene stundenlange Schiffbrücke über das Meer nach dem jenseitigen Bajä, um, wie Sueton berichtet, eine Prophezeiung zu widerlegen, nach welcher er so wenig Kaiser werden als über das Meer reiten würde. Der Narr ließ die Brücke pflastern und ergötzte sich dann mehre Tage daran, auf derselben hin und her zu reiten, eine Lächerlichkeit, die dem Staate Millionen kostete, aber gewiß damals eben so viele Bewunderer gefunden haben wird, als die unnützen und unsinnigen Königs- und Kaiser-Spielereien späterer Zeiten, wodurch man das Vermögen betrogener Völker vergeudet.
Bajä und Puteoli glänzten einst als die ersten Kurorte der römischen Welt. Luxus und Verschwendung waren in einer kaum faßlichen Größe dort entfaltet. Die von Julius Cäsar, Pompejus, Marius, von Lukull,
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1844, Seite 96. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_11._Band_1844.djvu/104&oldid=- (Version vom 24.1.2026)