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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band | |
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den schönsten Wiesengrund und besäet ist es mit den freundlichen Wohnungen der Waldenser, welche hier, umgeben von dem finstersten Katholizismus, ein Paar kleine Gemeinden bilden. Als Ketzer von der übrigen Bevölkerung verabscheut, leben diese friedlichen, arbeitsamen und durch das Licht des protestantischen Glaubens beglückten Menschen hier, wie die Bewohner einer Oase der großen Wüste, in förmlicher Abgeschiedenheit von der übrigen Welt. Sie haben zwei Kirchen, die eine in St. Germain, die andere in Pomerat bei Perouse.
Weiter aufwärts geht der Charakter des Lieblichen wieder ganz verloren; wild, erhaben ist die Landschaft; Felstrümmer, seit Jahrtausenden hinabgestürzt, bedecken ihren Boden, weithin aufgeschüttet, hinreichend zum Aufbau ganzer Berge. Ungeheuere Felsklippen von dem zerstörtesten Ansehen fassen die Schlucht ein, in deren Tiefe das zürnende Alpgewässer, brausend, nicht sichtbar, sich durch das Gestein den Weg sucht. Der einzige Ausgang aus diesem öden Winkel voll Trümmer ist der Paß von Fenestrelles, den die Straße unter überhängenden Felswänden hin mühsam erklettert. Oben steht ein steinernes Kreuz mit einer kleinen Kapelle.
Hier erwartet den Reisenden ein imponirender Anblick. Einen finstern, bodenlosen Abgrund sieht er vor sich, auf dessen äußerstem Rande die Straße ruht, und jenseits desselben erhebt sich, von kahlen, senkrechten Felsmassen umstarrt, ein Berg in Pyramidenform, auf dessen terrassenartig ausgehauenen Seiten sich, zehnfach über einander, Batterien thürmen, die ihm die ehernen Rachen entgegen strecken. Die regellosen, eckigen Umrisse der Felsnatur contrastiren auf das Wunderlichste mit den geraden Linien der Befestigungen, welche das hehre, stille Alpenbild durchstreichen. Napoleon stellte die unüberwindliche Veste als Hüter der Ausgangspforte seines Reichs hierher. Jetzt Sardinien gehörend und ihrem Zwecke entrückt, hat sie wenig strategische Bedeutung mehr, und spärlich bemannt ist sie nur noch als Staatsgefängniß berüchtigt und gefürchtet. Aus ihren Kasematten hat man schauerliche Kerker gemacht, in welchen mancher Bösewicht, aber auch manche hochherzige, für das Wohl des Vaterlandes wagende Männer und begeisterte Wortführer der Freiheit zwischen den feuchten Mauern, in Gesellschaft der Molche, ihr Leben vertrauern. Gut gewählt hat sie, die Herrschergewalt; einen passenderen Käfig für ihre Feinde kann es in der Welt nicht geben. Seufzer und Flüche verhallen in dieser Oede; sie kann jedes Geständniß erpressen, und kann es hier ohne Furcht, daß der Aufschrei der Gequälten zu den Ohren des Volks dringe und es in seinem Schlafe störe. Hier, wie anderwärts, rufen die Söldlinge der Macht: „traurige Nothwendigkeit!“ Ja, traurige Nothwendigkeit, wenn es blos Mördern und Dieben gälte, Menschen, über deren Verbrechen jedes Rechtsgefühl, jedes Gesetzbuch das Verdammungsurtheil spricht; aber das, was viele dieser Staatsgefangenen verschuldet haben, das heißt jenseits des atlantischen Meeres Tugend und erwirbt einen Bürgerkranz. Es wäre gewiß menschlicher und für die ausübende Macht gesitteter Staaten ehrender, wenn ein Unterschied gemacht würde zwischen Verbrechen, welche
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1844, Seite 116. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_11._Band_1844.djvu/124&oldid=- (Version vom 26.1.2026)