Seite:Meyers Universum 11. Band 1844.djvu/131
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band | |
|
|
Staffelwerk eines neuen Adels vom Herzog bis zum einfachen Ritter herab aufstellte, ein Werk, das er in einem Tage schuf. Der Codex der Hof-Etikette, welche das Genie Ludwigs XIV. erfunden hatte, wurde mit den Druckerzeichen des Adlers noch einmal neu aufgelegt und in den Tuilerien zur strengsten Ausübung gebracht. Hier brütete nun der Korse seine Pläne der Welteroberung; da baute er Karls des Großen Reich zum zweiten Male auf; von da aus schleuderte er die Blitze, welche die Könige und Dynastien von den Thronen stürzten und Reiche zusammen warfen. Aus den Tuilerien entsendete er die Ordonnanzen, womit unabhängige Völker zu Heloten herabgewürdigt wurden und ihre Regierungen zur Dienstbarkeit; dort gingen – in der Zeit unserer eigenen, tiefsten Schmach – deutsche Fürsten, deutsche Könige zu Hofe; dort war es, wo um deutsche Stämme, um deutsche Länder gefeilscht und gehandelt wurde wie um Güter und Heerden – und dorthin trugen der Fürsten viele ihr letztes Kapital von Ehre, um Reichthum an Schande und Erniedrigung dafür zu tauschen. Sitzend auf dem Throne der Tuilerien stampfte des Zauberers Fuß die Armeen aus der Erde, welche ausziehen mußten zu den Säulen des Herkules und bis an der Wolga eisige Fluthen, um die Völker zu jochen, und da ruhete sein Adlerblick zum letzten Mal auf seinen Trophäen, als das Weltrad, welches sein Titanenarm noch einmal gewendet hatte, zum zweiten Mal umgeschlagen war, und er nichts mehr erlangen sollte auf Erden, nach dem Rathschlusse des Allmächtigen, als ein Felsengrab im Ozean. – Denn – es lebt ein Gott in der Geschichte und sein Schwert ist – Vergeltung.
Die Bonapartes zogen zum zweiten Mal aus, und die Bourbons zum zweiten Mal ein; die Adler entflogen und die Lilien sproßten und blühten an den Mauern und Plafonds der Tuilerien von Neuem. – Wiederherstellung (Restauration) wurde jetzt die Parole des Palastes. Verrücktes Beginnen! Was war da zu restauriren, wo Alles in Trümmern lag, wo jede Mauer aus dem Sockel gewichen, wo jede Grundveste unterwühlt und die Fundamente selbst von oberst zu unterst gekehrt waren? Zwar konnte man in den Sälen der Tuilerien das Alte wieder erwecken und durch eine Milliarde, dem Volke entlistet, die in der Revolution verarmten Adelsgeschlechter wieder mit Schimmer umgeben und zu Hof locken; aber der Geist des Alten war ohne Wurzel im Volke; es sah in ihm nur einen Alp, der es drückte, und den es wieder wegwünschte, keinen guten Genius. Das Königthum mit seinen Restaurationsbestrebungen trat daher in Zwiespalt mit seinem Beruf – es theilte, wo es zusammenhalten sollte, es machte zwei Frankreiche aus einem, ein neues und ein altes, zwei Völker, die sich haßten, zwei Zungen, die sich verleumdeten, zwiefaches Regiment, zwiefache Gesinnung, zwiefache Sitte, doppeltes Leben in Wissenschaft und Kunst. Und solcher Streit hat fortgewährt, bis Karl X. jene Ordonnanzen unterschrieb, welche den Franzosen ihr theuerstes Recht zu rauben trachteten. Da regte sich plötzlich der alte Geist in seinem Grabe, die Pflastersteine wurden lebendig, und das Volk that, wie seine Väter gethan: Söldner-Treue blutete noch einmal in den Höfen der Tuilerien; aber die menschlicher gewordene Nation schickte die Schuldigen nicht auf’s Schaffot
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1844, Seite 123. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_11._Band_1844.djvu/131&oldid=- (Version vom 29.1.2026)