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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band | |
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Kurfürsten, neben einander gesteiften und gedrechselten Bäume stehen, plötzlich in das schattige Gewimmel eines frischen Wäldchens träte. So aber bleibt er gesund: denn er tritt aus dem Palais-Royal nur in einen Jardin-Royal. – Frühlingsluft weht uns an, aber der Frühling verkündigt sich in diesem Garten nicht durch Blüthenstaub, sondern durch irdischen. Seine Bäume behalten die Augen länger geschlossen; denn als Städter stehen sie später auf wie Landbäume. – Verrückte Engländer fahren vorbei in großen Reisewagen; das Kammermädchen in seidenem Spencer inwendig, die Herrschaft unter bäuerlichem Strohhut auf dem Bocke. Sobald der Frühling kommt, verlassen die Briten Paris, um nach der Schweiz, nach Italien, an den Rhein zu reisen. Ihnen ist die Reisekasse eine Spar- und Amortisationskasse. Das reiche, glückliche Volk! Ein armer Teufel von Dichter in diesem Lande, der nicht Geld genug hat, im November sein Steinkohlenfeuer zu bezahlen, schifft nach Frankreich, wärmt sich dort an der Sonne und trinkt wohlfeiler feurigen Wein, als in seiner Heimath kaltes Bier. Geht es dem Schelm gar zu arg, dann muß er freilich nach Neapel, dort für einen halben Paol sein Abendmahl halten und dabei die Sonne aufgehen sehen im blauen Meere!. . . . Wir verfolgen den englischen Reisewagen mit den Augen die ganze Tivolistraße hinauf bis an den Garde-Meuble, wo er umbiegt. Auf diesem Palast spielt der Telegraph. Spielen? Ach ja, er spielt wie eine Schlange in der Sonne. Die langarmige Tyrannei, wie sie ihre Fangklauen ausstreckt über Berg und Thal, vom Thron bis zu den Grenzen des Reichs! Ich habe mir vorgenommen, den Moniteur durchzulesen von 1789 bis jetzt und ein Beispiel aufzusuchen, daß je durch den Telegraphen eilende Wohlthat zugesendet, daß je Thränen durch diesen Sturmwind getrocknet, daß je dem Berurtheilten rasche Begnadigung zugesprochen. Und finde ich nur ein einziges Beispiel dieser Art, dann will ich mich mit den Telegraphen befreunden. –
An jedem Gitterthor des Tuilerien-Gartens stehen zwei Schildwachen. Sie sind sehr geplagt. Gewiß hatten sie in den Schlachten von Marengo und Austerlitz ihre Flinten nicht so viel handirt, als sie es hier thun. Sie müssen nämlich vor Jedem, der ein Ordensband trägt, das Gewehr präsentiren. Das endet nicht. Es ist erquickend zu sehen, wie viele Verdienste in die Tuilerien eintreten und wie sich der abgetriebene Bandwurm immer wieder erneuert. In jeder Viertelstunde zählt man 1000 Vorübergehende, und unter jedem hundert neunzehn bis zweiundzwanzig Bebänderte; also je der fünfte Mann ist ein Wohlthäter des Vaterlandes, und dazu rechne man noch die Vielen, welche bescheiden ihren Ruhm unter dem Rocke tragen. Die Dekoration ist immer die nämliche: das Kreuz der Ehrenlegion. Wie monoton und armselig erscheint dieser französische Bänderschmuck gegen den Deutschlands, wo einige sechzig verschiedene Orden dazu bestimmt sind, die Röcke der großen Männer des Vaterlandes zu zieren. –
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1844, Seite 125. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_11._Band_1844.djvu/133&oldid=- (Version vom 29.1.2026)