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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band | |
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Mensch, kannst du die Größe deines Seyns vergessen? Kannst du vergessen, daß dein Leben Theil hat am Leben der Welten und deine Seele versichert ist in der Bank der Ewigkeit? Kannst du vergessen, daß jeder Blick in den nächtlichen gestirnten Himmel dir ein Faustpfand gibt der Unsterblichkeit, und jedes Anschauen des blauen Taghimmels ein Blick ist in das blaue Auge des sanften, väterlichen Gottes? Kannst du vergessen, daß für jede Welt Glückseligkeit aus der Ferne der Zeiten schimmert, und daß an den Staffeln der Vergangenheit die Menschheit, der du zunächst angehörst, nur um glücklicher zu werden, hinauf in die Gegenwart klimmte? Kannst du das und kannst du die liebende führende Gotteshand vergessen, o so steige über die lange Ahnenreihe hinweg und alle Zeitstaffeln hinab bis an den Tag, wo auf diesem Thurm der Wächter rief und die Lanzenspitzen seiner Reisigen in der Abendsonne funkelten! Damals und heute: ist es nicht wie Nacht und Morgen? Und wie konnte ein Morgen dämmern, wenn kein Tag nachfolgen sollte? –
Sieh’ sie nur an diese schwarzen, unheimlichen Trümmer im weißen Wogengischt! Noch sind’s keine 1000 Jahre her, und da saß hier, wie ein Geier im Felsnest, das adeliche Schwertrecht, brandschatzend und mordend, plündernd und wegelagernd, und so saß es auf hundert und aber hundert Zinnen im schönen Deutschland. Kein Gesetz lähmte dem adelichen Räuber den Arm, der sich ausstreckte nach fremdem Gut; keine Gewalt hielt seine Habgier in Schranken; alles Eigenthum war ihm preisgegeben, die Freiheit des Landmanns ward ihm leibeigen, alles Recht der Unterdrückten ruhte in dem Rechte der Nothwehr; die deutschen Ströme und die deutschen Heerstraßen waren Schlachtfelder geworden, in denen der ungleiche Kampf zwischen Räubern und Beraubten niemals endigte, und die Nation erduldete inmitten des Friedens die zehnfache Plage und Marter des Kriegs. Und mit den ritterlichen Raubgeschlechtern theilte die Kaste der Priester die Beute; diese stahl dem bösen Gewissen wieder, was die Verruchtheit jener sich widerrechtlich angeeignet hatte. – Denke dir diese Zustände und dann frage dich: ist’s nicht um Vieles besser geworden auf Erden? und der Zeitraum, in welchem diese Aenderung hervorging, was ist er mehr, im Vergleich zu der Lebensdauer der Menschheit, als ein Sonnenstäubchen im Vergleich zur Sonne?
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1844, Seite 204. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_11._Band_1844.djvu/212&oldid=- (Version vom 11.3.2026)