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DXII. Barcelona.




Religion, Vaterland und die Erinnerung der Vergangenheit sind dem Spanier Seele, Leib und Leben. Sie sind ihm die Penaten auf dem Hausaltar, die Stammgüter im Nationalheiligthum. Für sie hat er allezeit heiß gekämpft, für sie hat er seine Felder mit Blut getränkt; ihnen ist seine ganze Liebe zugewendet, und wie er mit unerschütterlicher Treue an seinem Boden hängt, so hängt er mit Stolz an seiner Geschichte, die ihn mit hohem Selbstgefühl für die Gegenwart begabt. Darum kann die Autorität, der er willig gehorchen soll, nie wohl eine andere Grundlage haben, als eben jene Elemente, die zur eigentlichen Seele der Nation gehören. Nur die Unterwerfung unter eine solche Autorität kann das Selbstgefühl nicht verletzen bei einem Volke, das, das stolzeste der Erde, sich in Masse adelich fühlt. Wenn der Asturier diesen Adel anspricht seines rein-gothischen Blutes wegen, so fordert ihn der Kastilier, weil sein Stamm der herrschende geworden, und der wackere Biskayer, der kühne Katalonier, die stolz und frei auf ihren Wehrgütern wohnen, verlangen die Anerkennung als für ein Erbstück von den Vätern überkommen, das alle Könige ehrten. So, mit bestimmt und scharf ausgeprägten Charakterzügen, steht das spanische Volk in der Weltgeschichte ernst und großartig da, einer Aloe gleich, die nur in langen Zwischenräumen ihre geschlossene Knospe zur wunderbaren Blüthe aufschließt. Fest, besonnen und ruhig, jedoch heftig und reizbar in der Liebe wie in der Ehre, ernsthaft, streng, ja finster in der Stimmung; freisinnig, edelmüthig, ritterlich und standhaft in seinem Thun, steht dies Volk wie ein Granitfels in den Wogen der Zeit, – verwittert zwar und von Flechten und Moos überwachsen, aber nicht erweicht, nicht abgerundet, nicht zahm und zur Knechtschaft aufgelegt.

Die Fluth der Aufklärung über sociale Begriffe, die Ideen von durchgängiger Gleichheit, angestammten Menschenrechten und ihrer Unverjährbarkeit, von der Souveränität des Volks und der nothwendigen Delegation aller Macht von unten herauf: – kurz die Ideen, welche bei den gesittetsten Völkern durch Revolutionen und Reformen seit 50 Jahren eine Umgestaltung des Baus der Gesellschaft bewirken, sie haben in Spanien noch keinen solchen Boden gefunden, um schnell und tief zu wurzeln. Darum sind auch Verfassungen, die auf jenen allgemeinen Abstraktionen sich gründeten, der Masse des spanischen Volks unverständlich geblieben, und eine weitere Folge davon ist gewesen, daß die Mehrheit es jederzeit gleichgültig geschehen ließ, daß man sie eingeführt, wieder abgerufen und von Neuem zurückgebracht hat. Seinem heimathlichen Sinn ist ein solches Verfassungswerk so fremd, wie