Seite:Meyers Universum 11. Band 1844.djvu/229
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band | |
|
|
ziehen und ihnen mit Hülfe der Lüge und des Schreckens ein Joch von Meinungen auflegen, dessen Knoten sie täglich enger schürzen. Durch Bajonette bringen sie die Steuern auf, durch jüdische Finanzkniffe und Börsentrug bringen sie fremdes Kapital als Anleihen an sich, und mittelst solcher Steuern und Anleihen verfügen sie über das Heer und machen es zu einer Rotte von Henkersknechten, immer bereit, die Blutbefehle der Tyrannen zu vollziehen. So legen sie durch das in einander wirkende Spiel von Reichthümern und Aemtern, öffentlicher Plünderung und Schmeichelei, Blutbefehlen und militärischem Terrorismus die spanische Nation in Fesseln und überliefern den Staat allen Leiden des Despotismus.
Aber das edle Spanien ist nicht für immer zum Leiden verurtheilt. Zerreißen wird endlich der Faden seiner Langmuth, aufstehen wird das Volk und mit den zerrissenen Ketten wird es die Tyrannei zerschlagen und verjagen seine Unterdrücker. Alsdann werden große Menschen, aufgeklärte, thatstarke Apostel der Volkswohlfahrt in Spanien erscheinen, und der jetzt in finsterer Schreckensherrschaft befangenen Nation wird es ergehen wie es andern Völkern in gleicher Lage vor ihr ergangen ist: das Licht wird sich immer weiter verbreiten und allmählich das Ganze erhellen. Das Beispiel freierer, glücklicherer Völker wird in Spanien nicht ohne Nachahmung bleiben. Schon reden tausend Zeichen von der nahen Wendung der Dinge; ich vernehme schon an den nächsten Ufern der Zukunft das Flüstern von Dem, was, einmal laut ausgesprochen, widerhallen wird von den Firsten der Pyrenäen bis zu den Mauern von Corunna in allen spanischen Herzen. Schon geht hörbares Murren über die Unterdrückung durch die ganze Nation; schon knistert die noch unsichtbare Flamme; schon regt sich’s in den Provinzen da und dort; schon sieht man überall im Stillen rüsten, die Hülfsmittel prüfen und die Lage der Dinge in ernste Berathung ziehen. Noch ein Tag, noch eine Betrachtung – und eine ungeheuere Bewegung wird entstehen, eine neue Zeit wird hervorgehen; eine Zeit des Schreckens für die Tyrannen und für Spanien ein Tag des Freiwerdens, ein großer Tag der Hoffnung, und – wer weiß es? – nicht allein für Spanien!
Barcelona, die jetzt durch Tyrannei so gebeugte Hauptstadt Kataloniens, nach Intelligenz, Freiheitssinn und Gewerbfleiß die erste, nach Größe und Volksmenge die zweite Stadt in Spanien, blühte schon vor der christlichen Zeitrechnung. Hamilkar, der Vater Hannibals, hat sie gegründet und sie mit Carthagischen Ansiedlern bevölkert. – Carthagischer Geist ist nie aus ihr gewichen. Republikanische Institutionen, ächte Freiheitsliebe, die den Tod nicht achtet, und ein Unternehmungsgeist, der Barcelona’s Namen zu allen Zeiten in der Handelswelt groß gemacht hat, behielten hier eine Heimath.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1844, Seite 221. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_11._Band_1844.djvu/229&oldid=- (Version vom 17.3.2026)