Seite:Meyers Universum 11. Band 1844.djvu/241

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

In diesem Fall werden die Grubengäste unter die Kaue eines Hauptschachts geführt, an dessen Mündung sich der Göpel mit dem Fahrapparat befindet. Das über eine sehr dicke Welle laufende Tau trägt, über der Mitte des Fahrschachts hängend, eine dreifache Reihe von Gurtsitzen. Auf der ersten nimmt eine Schaar schwarzbekittelter Grubenjungen Platz, mit Lampen in den Händen; ihnen folgen, auf der zweiten Sitzreihe, ein Steiger und zwei Bergknappen, und die dritte nehmen die Gäste ein. Ist dies geordnet, so stimmen, auf einen Wink des Steigers, die Grubenjungen ein Bergmannslied an, die Welle geräth in Bewegung, bebend schwankt die Menschenlast über den finstern Abgrund: es rasselt das Tau – ein Augenblick noch! und hinab fährt’s mit reißender Schnelligkeit. Nach zwei angstvollen Minuten fühlt man wieder festen Boden unter seinen Füßen, man steht dreihundert Fuß tief im finstern Schooß der Erde.

Anfänglich sind die Sinne befangen und betäubt, und es gehört für den Neuling solcher Szenen einige Zeit dazu, um sich zu fassen und Herr der Eindrücke zu werden, welche das wundervolle Schauspiel um ihn her veranlaßt. Der Berggesang ist verstummt; ein helles „Glückauf!“ erschallt, es hallt in den Strecken und Räumen vielfach wieder, und die Führer fordern zur unterirdischen Wanderung auf. Jeder Gast bekommt ein Grubenlicht in die Hand und die Reise beginnt. Man befindet sich in der ersten Etage des unterirdischen Baus. Bald auf breiten, bald auf schmalen Gängen, bald Treppen auf, bald Treppen ab geht’s fort aus einem Saale, aus einer Grotte in die andere. Salzstalaktiten hängen an Decken und Wänden und in den tausend und aber tausend Krystallspiegeln bricht sich das Grubenlicht funkelnd in allen Farben. Es ist ein feenartiger Anblick, der die Sinne bezaubert. Der Glanzpunkt dieser ersten Etage ist die Antonius-Kapelle. Sie ist ganz aus dem reinen, weißen Steinsalz gehauen. Schmuck und Ausstattung derselben bestehen aus rosenrothem Salzfels; so die Säulen, der Altar, die Kanzel, die Statuen der Heiligen, die Chorstühle, Skulpturen und Dekorationen. Man kann sich nichts Imposanteres denken, als wenn 100 Wachskerzen dieses Gotteshaus erleuchten und die in reinlicher, kleidsamer Tracht versammelten Bergknappen dem großen Bergherrn ihren Lobgesang darbringen, oder die schwarzen Männergestalten, im weiten Halbkreise um den administrirenden Priester knieend, in tiefer Andacht ein stilles Gebet verrichten.

Aus der Antonius-Kapelle führt ein langer, hoher Gang am Füllort des Antoniusschachts vorüber, wo das rege Treiben des Grubenlebens zu der ernsten Szenerie am Orte der Andacht einen schneidenden Kontrast bildet. Peitschenknall und Pferdegewieher schallen, auf eisernen Wegen knarren die schwerbeladenen Förderwagen vorbei, und ganze Reihen von Berghunden, hoch mit Salz befrachtet, rasseln daher, an jedem ein Lämpchen hängend und hinter jedem ein Junge, der ihn keuchend vor sich hinstößt. Ihnen entgegen kommen die leeren Züge mit ihren jauchzenden Begleitern, und das Zurufen der Anschläger und der Premser in den Strecken und