Seite:Meyers Universum 11. Band 1844.djvu/247

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
DXVI. Die neue Börse in London.




Jede Zeit hat ihren Gott und ihre Wunder. Jene Tempel, gebrochen in der Berge Nacht, jene Säulen-Colosse an ihren Füßen, jene Sphinxe in Hieroglyphen stammelnd, jene Pyramiden und Obelisken zur Sonne strebend, Balbeck mit seinen Säulenstraßen, die Pracht von Susa und Babylon, Hellas’s lichte Tempelhöhen, die Pforten des Ruhms der alten Roma und die kunstreichen Münster des Mittelalters: – sie alle sind redende Zeugen von den Ideen, welche in ihren Zeiten herrschten. Auch unsere Zeit schafft des Großen viel; doch ist’s ein anderer Gott, der sie regiert, und die Idee hat wenig mit ihm zu schaffen. Es ist der Judas unter den Zeitgöttern, der Seckelmeister, der Haus zu halten und zu rechnen weiß und Zins zu Zinsen schlägt. Auf das Nützliche ist das Streben der Menschen jetzt zumeist gerichtet und alle Thatkraft wendet sich dem Vortheil zu. Kunst und Wissenschaft thun Mägdedienst bei diesem Götzen, leuchten ihm hinab in der Erde Schooß, ebnen ihm die Berge, füllen die Thäler aus und helfen seinen riesigen Traumgestalten an das Licht der Wirklichkeit.

Dieser Gott hat unter den Völkern einen Liebling sich auserkoren. Einen Fuß setzend auf den Fels der Heimath, den andern in des Weltmeers Mitte, trägt England hoch sein Haupt über alle andere Reiche. Mächtiger als Rom und reicher als Karthago, nennt es die halbe Welt sein eigen, und die andere Hälfte kann sich seinem Einfluß nicht entziehen. In der Freiheit wahrt es sein goldenes Vließ; in den Gewerben schützt es die Basis seiner Größe und der Handel ist der Athemzug seines Lebens.

Rom brauchte 800 Jahre, um mit dem Schwert allein die Eroberung der Welt zu verfolgen. England errang mehr in zwei Jahrhunderten durch den Handel und die Arbeit. – Könnten nicht ähnliche Mittel auch andere Völker auf denselben Grad von Macht erheben? – Amerika und Frankreich versuchen es. – Warum nicht Deutschland?

Der Tag ist noch nicht da; aber er kommt gewiß, wo auch wir in die vorderste Reihe der Nationen treten, Theil zu nehmen an den unermeßlichen Vortheilen, welche das britische Reich seiner Gewerb- und Handelsblüthe verdankt. Hüten wir uns nur, sie je auf dem falschen Wege zu suchen! Nicht der Unternehmungsmuth, nicht die Einsicht, nicht die Thätigkeit, nicht die Uebergewalt des Geldes und der politischen Macht sind es vorzugsweise, sondern vielmehr die besonnene Klugheit, der gute Haushalt und die Rechtlichkeit der betriebsamen Menschen, was den Arbeiten