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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band | |
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Stambul, was bist du gewesen, was bist du jetzt und was wirst du seyn? – Lies die Antwort in der Geschichte von Babylon und Persepolis, und gäbe es keine Geschichte und wäre Stambul die erste gegründete Stadt, so lerne die Sprache verstehen, welche die Maulwurfshügel auf dem Felde reden, wenn sie sich aus der Flur herauswühlen, von einem emsigen, geschäftigen Streben belebt, größer wachsen und den Wiesengrund decken; sobald sie aber die fleißige Kraft, die ihnen innewohnt, verläßt, vom Wind und Wetter zerstreut werden und ihre Stätten mit Gras und Moos überwachsen, wenn nicht ein nomadisirendes Ameisenvolk den verlassenen Haufen bezieht, seine Zellen hinein baut und sich ein neues Leben in ihm gestaltet.
Alles auf Erden ist Wechsel nach ewigen Gesetzen. Werden, Seyn, Vergehen sind die Axiome aller Schöpfung. Alle treibenden Kräfte im Organismus des Alls dienen dieser Dreieinheit in Gottes unbegrenztem Reiche, und bei ihrer Wechselwirkung gestaltet die Zeit sich zur Ewigkeit. –
Langsam, wie alles Große, durchläufst auch du, Constantinopel[2], die Phasen deines Daseyns. Ein Orakelspruch hat dir das Leben gegeben. Hellas’s und Kleinasiens Kultur haben dich gesäugt, Roms Macht ist deine Pflegemutter gewesen und hat dich groß gezogen. Ihr Liebling, bist du deinen Zeit- und Altersgenossen rasch über den Kopf gewachsen, und wie du nun großjährig und selbstständig geworden, erkanntest du deinen wichtigen Posten an der Brücke zweier Welttheile, deren Verkehr deiner Vermittelung bedurfte. Du wurdest unermeßlich reich. Kunst und Wissenschaft suchten deinen Schoos, und als die römische Westwelt in Bedrängniß und Verfall kam durch barbarische Völker, da leuchtete um deine Mauerkrone viele Jahrhunderte der Nimbus des Ruhms, Bewahrerin des heiligen Feuers zu seyn für Kultur und Sitte, zu einer Zeit, wo sonst auf Erden Rohheit ungezügelte Herrschaft übte. Mit dieser in stetem Kampfe, bliebst du unter Stürmen, Schlachten und Siegen stark lange Zeit, und eine halbe Welt empfing von dir Gesetz und Scepter. – Schön und sittig
- ↑ Nach einer Schilderung von anderer Hand. – M.
- ↑ Vergl. über Constantinopels Geschichte Band I. S. 69.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1844, Seite 242. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_11._Band_1844.djvu/250&oldid=- (Version vom 20.3.2026)