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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band | |
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warst du zu nennen in deiner blühendsten Periode; wie aber dein Tag zum Abend sich neigte mit deinen Kräften, da thatest du wie eine gemeine Buhlerin. Name, Gewand und Glaube wechseltest du nach der Mode, und schamlos warbst du fortan um die Gunst deiner zeitlich wechselnden Besitzer. – So hast du seit länger als tausend Jahren deine entfliehende Blüthe vergeblich zu bannen gestrebt, und schonungslos wäscht dir die Zeit die Schminke von den verfallenen Reizen. – Wie lange noch, so reißt sie dich in’s Grab, unbetrauert, wie der dürre Ast, den die Säge des Gärtners von dem grünen Fruchtbaum trennt.
Die Städte des Morgenlandes haben an Alter und Reichthum der Geschichte sowohl, als an malerischer Schönheit vor denen des Abendlandes einen großen Vorzug. Die Nüchternheit des Europäers baut sich am liebsten da an, wo materielle Vortheile am sichersten zu erlangen sind; an die sandigen Ufer des Meeres, in weite Becken zum Handel geschickter Ströme, in die Ebene, wo keine Berge den Verkehr erschweren: – dort finden sich ihre Interessen am bequemsten und häufigsten zusammen. – Den phantasiewarmen Morgenländer hingegen lockt die Natur mit ihren üppigen, blendenden Reizen, mit denen sie im Orient so freigebig ist, am liebsten dahin, wo er sich süßer, sinnlicher Lust und schwärmerischen Träumereien ungestört hingeben kann.
Der Hauptstadt des Türkenreichs sind diese allgemeinen Vorzüge orientalischer Groß-Städte in vorzüglichem Grade eigen. – Wenn man sich ihr von Marmora her nähert, schwimmt vor dem entzückten Auge ein Archipel lieblicher Eilande, die im mannichfachen Grün ihrer Laub- und Nadelhölzer prangen. Von jeder Höhe schaut eine alte Veste, oder ein graues Kloster, oder eine Trümmer aus der christlichen und griechischen Vorzeit herab und spiegelt sich in der lichten, ruhigen Fluth.
Hinter der kleinasiatischen Küste leuchtet hehr und stolz der Olympus. Sein klassischer Name führt ein längst verblichenes Völkerleben in frischen Farben vor das sinnige Auge. Seine schneebedeckten Gipfel blenden im Sonnenlicht. Die ihn umgebende Atmosphäre ist in der Regel so klar und durchsichtig, daß man die herrliche Berggestalt mit Händen greifen möchte.
Weiterhin schwingt sich Kleinasiens Gestade nach der Mündung des Bosporus zu und von da an deckt Constantinopels alte Todtenstadt, auf der die Generationen von den Endpunkten zweier Jahrtausende nachbarlich beisammen wohnen, das Ufer anderthalb Stunden lang, überragt von den Häusermassen Scutari’s.
Diesen gegenüber, auf zwei Vorgebirgen, die weit in’s Meer hinausragen und als „goldenes Horn“ Constantinopels Hafen umarmen, liegt das eigentliche Stambul, die alte Osmannen-Stadt, in träger Ruhe hingegossen,
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1844, Seite 245. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_11._Band_1844.djvu/253&oldid=- (Version vom 20.3.2026)