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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band | |
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seine Ufer umstrickt mit Palästen und Pracht-Bauten vieler Style und Zeiten: – Perlen und Gesteine um ein altes, schmutziges Kleid. Eine tief in die Häusermasse dringende Bucht bildet den Hafen selbst. Da schwimmen die türkischen Paradeschiffe des Sultans und seiner Großen mit den bunten Wimpeln, den glänzend lakirten Planken und dem phantastischen, vergoldeten Schnitzwerk neben dem gewaltigen Dampfer mit den schnaubenden Schaufelflossen; da ankern riesenhaft und unbeweglich die Kriegsmaschinen der Pforte mit der ungeheuern Armirung, dem einsamen Mast, dem dräuenden Löwen am Kiel neben Englands und Frankreichs agilen Fregatten. Barken, Gondeln, Kaiken, Galeeren, vollbemannt, griechische und türkische Kauffahrer drängen sich in so buntem und wunderlichem Gewimmel, wie ihre Bevölkerung, vom edelschönen Kaukasier bis zum verschmitzten Griechen, vom stolzen Türken und ernsten Aegypter zum fleißigen Neger, durch alle Typen der alten Welt. Rechts steigt das alte Galata, die Genueser-Colonie, jetzt Constantinopels Vorstadt und Pera, das eigentliche Franken-Quartier, empor; auf der andern Seite aber erhebt sich die osmannische Capitale selbst in Pracht und Herrlichkeit. Mit innigem Entzücken schweift das trunkene Auge über das Häusergebirge hin, in dessen Hintergrund die sieben Hügel sanfte Wellenlinien zeichnen, von denen die Kaiser-Moscheen mit den blinkenden Dächern und schlanken, funkelnden Minarets und blitzenden Halbmonden herabschauen wie große Charakterzüge aus einem ausdrucksvollen Gesicht. Das harmlose Herz freut sich innig über die Schönheit, mit der die liebevolle Natur den altersschwachen Körper einhüllt. –
Aber um so unheimlicher wird die Ueberraschung des abendländischen Städters bei’m Eintritt in’s Innere Constantinopels. Constantinopel hat nicht sein Cheapside, wie London, oder seine Boulevards, wie Paris, welche wie Pulsadern die Stadt durchströmen und in denen das Leben in ewigem Drange hin und her wogt. – Keine breiten und geraden Straßen, keine reinlichen Trottoirs mit dem Fußgänger-Gewimmel, das in allen Zungen des Erdrunds summt, mit dem Getöse der sich unaufhörlich kreuzenden und hemmenden Carossenreihen; keine sieben- und achtstöckigen Häuser umschließen die Seiten, keine Schilde an den Straßenecken mit ihren Namen helfen den Weg finden, keine Plakate schreien einem an mit ihren Riesen-Charakteren: – weder Glockengeläute verkündet den Festtag, noch die Thurmuhr die Stunde; keine Straßenlaterne erhellt die Nacht – nichts von dem Allen: labyrinthisch windet sich ein Knäuel enger, krummer, schmutziger Gassen mit unebenem, schlechtem Pflaster, das keine Pfütze verlaufen läßt. Sie sind weniger von Menschen, als von bissigen Hunden bevölkert, die den Fremden anheulen und anfallen. Selten sieht man einen gravitätischen Türken, wie er langsam und ernst seinem Geschäfte oder der Moschee zuschreitet; öfterer trifft man ihn träumerisch und gleichgültig vor seiner Thüre oder Boutique sitzen und rauchen.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1844, Seite 246. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_11._Band_1844.djvu/254&oldid=- (Version vom 20.3.2026)