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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band | |
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Die gewöhnlichste Staffage jeder Großstadt des Abendlandes – die glänzende Carosse mit ihrem Gespann – fehlt in der Türkenstadt. Die einzige Pracht-Equipage, die man sehen kann, ist die des Sultans, welche ihn an einem Freitage nach einer Moschee führt, wo dann das Volk die Gassen füllt, durch die er kömmt. Sonst sieht man nur die Oroba, eine schwerfällige Kalesche, von Ochsen gezogen, die in den steilen engen Straßen kaum fortkommt. Blos Damen bedienen sich dieser Wagen, und nicht selten bewegen sie sich unter der Eskorte von bewaffneten Eunuchen, um die Schönen vor den Augen der Neugierigen zu hüten. Wo sie sich nähern in Begleitung von jenen Attributen der Macht, bleibt Alles schweigend stehen, und die Männer blicken, die Arme über die Brust geschlagen, scheu zu Boden. – Die Pracht der Hauptstraßen einer abendländischen Großstadt muß man in Constantinopel nicht suchen. Die Wohnhäuser in Stambul sind größtentheils von ärmlicher, elender, dabei aber pittoresker Bauart, deren Styl noch an die byzantinische Vorzeit erinnert. Sie erheben sich als ein Viereck von Stein- oder Lehmwänden und auf diesen ruht ein hölzernes, doppeltes Stockwerk von gebrechlichem Gefüge, von dem das obere Stock über das untere in die Straße hinein ragt. Geschmackloses Schnitzwerk dekorirt die Façaden und ein rother, gelber oder weißer Anstrich vollendet den äußern Schmuck. Wegen der schlechten und leichten Bauart sind Feuersbrünste so häufig und verheerend, daß man meint, die Stadt würde alle hundert Jahre neu gebaut. In der Regel wird jedes türkische Haus nur von einer Familie bewohnt, weil die Geheimnisse des Harems die Aufnahme von Miethlingen nicht wohl gestatten. Es theilt sich in die vom Hausherrn und die von den Frauen bewohnte Hälfte, deren erste keinen weiteren Schmuck als mehr oder minder kostbare Teppiche und Divans enthält. Das bessere Hausgeräthe haben die Wohnungen der Frauen und es ist folglich fremden Augen entzogen. Der Türke liebt es, seinen häuslichen Luxus zu verbergen, und nur bei passender Gelegenheit pflegt auch der Vornehme und Reiche mit Pferden, Sklaven, kostbaren Waffen und Geschmeide zu prangen. Mit Sonnenuntergang ruht das Geschäft bei jedem Türken; geschlossen sind dann alle Läden und Buden; die Inhaber ziehen sich nach ihren Wohnungen zurück und Finsterniß theilt die nächtliche Straßenherrschaft mit den heulenden Hunden.
Lesecabinets, Clubs, Gastmahle, Conzerte, Theater, Bälle und was sonst im Abendland die Nacht zum Tag verkehrt, kennt der Türke nicht. Er scheut alle rauschenden und heftigen Affekte der Sinne und des Gemüthes und ist, sobald es Abend geworden, für nichts empfänglich, als die Ruhe. – Nur am Tag und nur im Hafen, in den Bazars, auf den Märkten, in den Kaffeehäusern, Bädern, in und um den großen Moscheen und in den Chanen und Karavanserien bewegt sich das Volksleben der osmannischen Hauptstadt öffentlich und in rascheren lebendigern Kreisen, und läßt seine charakteristischen Züge erkennen.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1844, Seite 247. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_11._Band_1844.djvu/255&oldid=- (Version vom 20.3.2026)