Seite:Meyers Universum 11. Band 1844.djvu/256
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band | |
|
|
Die Moscheen in Constantinopel führen fast alle den Namen ihrer Erbauer. Es sind meist Sühnopfer für geschlachtete Völker, oder für schwere Blutschuld, die auf dem türkischen Thron so gut, als auf manchen christlichen erblich geworden ist, oder Gelübde und Vermächtnisse haben sie als Denkmäler gewinnsüchtigen, moslemitischen Pfaffentrugs errichtet, oder willenlose Sultansdummheit hat sie als Grundpfeiler der Priestermacht gebaut. Kurz sie sind entstanden wie die Sankt Peter und Eskurial’s des Abendlandes und wie, der Gegenwart zur Schmach, noch heut zu Tage Klöster wiedererstehen, welche eine verständigere Zeit entfernte.
Aber auch der rechte, ächte Gottesglaube hat manche Moschee errichtet, so gut wie manche Kirche, und ob der Halbmond oder das Kreuz ihre Reiche verkünden, das gilt Dem gewißlich gleich, welcher die Frömmigkeit unter der Kaputze so gut erkennt, als unter dem Turban. – Alle Hauptmoscheen umfassen weite, viereckige Räume und erheben sich in deren Mitte mit einer großen, halbkegelförmigen Kuppel, die, mit Metall gedeckt und mit den schlanken, an den Spitzen vergoldeten Minarets zur Seite, wie silberstrahlende Baldachine erscheinen, gestützt von goldenen Trägern.
Die kleinern Moscheen haben blos ein solches Thürmchen, die großen gewöhnlich vier. Von der obersten Gallerie derselben schreien die Gebetrufer (Muezzin) täglich fünf Mal hinab in’s Volk: „Es ist nur Ein Gott und Mahomed sein größter Prophet: – kommt zum Gebet!“ und wenn dieser Zuruf von allen Minarets aus mehr denn 2000 Kehlen gleichzeitig herabertönt, so bringt es einen feierlichen übernatürlichen Eindruck hervor. Dem Volk ist das Gebetrufen Uhr und Glocke zugleich. – Vielfach befinden sich in der Nähe der Moscheen die Märkte (Bazars), ja sie reichen oft unangefochten in ihre Vorhöfe, wie z. B. das große Rasesta bei der Soliman’s-Moschee. Es sind dieß weite überwölbte Hallen mit starken, massiven Mauern, in denen aller Luxus des orientalischen Lebens ausgebreitet liegt, und Türken, Franken und Rayahs bunt durcheinander verkehren.
Der Drang nach geselligem Vergnügen ist bei dem Türken nur schwach, und was er im Bazar nicht findet, daß sucht er im Kaffeehaus, auf welches denn auch alle erdenkliche Eleganz und Decoration nach türkischem Geschmacke vergeudet wird. Nach der Straße pompös ausgeputzt, hat jedes Kaffeehaus eine offene, von Säulen getragene Halle zum Eingang. Die ebenfalls mit Säulen gezierten Versammlungsräume sind mit Polstern und Divans bekleidet, auf denen die Gäste mit untergeschlagenen Beinen kauern. In Schweigsamkeit und ernster Ruhe lauschen sie der Musik einer Mandoline, oder eines Tamburins, welche Griechen mit unartikulirtem Gesang begleiten.
Bei Tabak und Kaffee wird die Zeit in Gesellschaft still verträumt; gesellige Unterhaltung verlangt der Türke nie. Lieber hört er den Mährchen eines Erzählers zu, welcher in jedem größern türkischen Kaffeehause anzutreffen ist.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1844, Seite 248. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_11._Band_1844.djvu/256&oldid=- (Version vom 21.3.2026)