Seite:Meyers Universum 11. Band 1844.djvu/257

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Der Gebrauch des Bades ist dem Türken unentbehrlich und die öffentlichen Bäder gehören zu den weitläufigsten Gebäuden der Hauptstadt. In der Reinlichkeit des Körpers soll der Mohamedaner ein Symbol für die Reinheit der Seele erblicken und der Prophet hat sie ihm streng geboten. Er that es aus demselben weisen Grunde, aus dem er ihm den Wein versagte. Mohamed wollte sein Volk durch Reinlichkeit und Mäßigkeit an Leib und Geist gesund und stark erhalten; denn nur ein gesundes und starkes Volk kann eine Welt erobern und eine eroberte Welt dauernd beherrschen. Doch wie sehr hat der Türke die Absicht des Propheten verkehrt! Statt des Weins genießt er verdummendes, entnervendes Opium, und das Gebot der Reinlichkeit hat er zu einer Beschönigung ausschweifender Ueppigkeit gemacht. In einem orientalischen Badesalon findet man Alles, was verweichlicht und abstumpft. Das warme Baden selbst, namentlich das Dampfbaden, ist für eine gesunde, normale Constitution immer eine Mißhandlung; denn sie erschlafft und entnervt, anstatt zu stärken. Constantinopels türkische Bevölkerung gibt den Beweis davon im Großen: welch ein sprechendes, schreckendes Bild der Agonie und Hinfälligkeit eines Geschlechts! Diese Muselmänner, die, wie eine Windsbraut aus ihrer Wüste durch Afrika’s und Europa’s Thore hereinstürmten, Millionen ihrem Schwert und ihrem Glauben unterthan und zwei Welttheile bis in ihr Innerstes erzittern machten: – theilnahmlos für alle politischen Schicksale, jedes geistigen Aufschwungs unfähig, physisch und psychisch betäubt, schleichen sie jetzt willenlos wie Gerippe über die Erde, vergehend und verwelkend in der Ueppigkeit ihres Harems, und ihre Phantasie nur noch Bilder der Sinnlichkeit schaffend. Schwäche und Blödsinn auf dem Thron, dem Despotie und Grausamkeit im Gefolge geben, Entnervung und Entsittlichung im Volk, hat es keine Gegenwehr für die scharfen Waffen der Zeit, mit denen diese, schonungsloser als die Politik, an dem alten, morschen Bau klopft, dessen Einsturz bevorsteht.

Vier Verwandlungen hat Constantinopel vollendet. Griechischem Leben folgte römische Herrschaft und in die byzantinische Stadt zogen die Türken ein. Das Volk des Nordens wird es zum fünften Mal verjüngen. Aber wenn der Kreis seiner Verwandlungen geschlossen ist, so wird es hingehen wie alles Zeitliche und seine Stätte wird versanden und veröden, und nach ein Paar Jahrtausenden fragt vielleicht der Wanderer umsonst nach seinen letzten Trümmern.