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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band | |
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Und nun, da die Zeit eurem Systeme das letzte Stündlein läutet, nun, da alle Räder eurer Maschine ausgelaufen sind und sie tückisch jeden Dienst versagt, den man ihr ansinnen will: – nun schreit ihr Zeter! und wißt euch nicht zu helfen. Indem ihr Finsterniß, Heuchelei und Aberglauben statt Licht, Frömmigkeit und Gottesfurcht in die Seelen gepflanzt, müßt ihr nun sehen, wie euer Christenthum in Dissonanz mit der Zeit gekommen ist, und nachdem ihr verschmäht habt, auch nur die leisesten Gegensätze zu binden, müßt ihr mit Schrecken gewahren, daß sie nun jeder Lösung spotten. Jetzt, da die Brunst allenthalben lichterloh gen Himmel schlägt und euer Haus verzehrt, sieht man euch mit ringenden Händen zusammenlaufen und Leitern und Hacken holen, und Spritzen zerren, und Gemeinschaft machen mit Allen, die nur helfen wollen. Conzile und Synoden ruft ihr zusammen, die Brandgeister zu beschwören: umsonst! sie können nur eure Rettungslosigkeit verkündigen. Gerade sie, in welche man jetzt Alles zusammendrängt, Alles zusammenschleppt, was sich innerlich ausschließt, gerade diese Conzile machen dem Volk den schwindelerregenden Wirrwar deutlich und geben der Masse die Ueberzeugung, daß nicht einmal mehr die Fähigkeit vorhanden ist, durch eine tiefgreifende Maßregel einer weitern Zersetzung im kirchlichen Chaos vorzubeugen. Die babylonische Sprachenverwirrung ist das Symbol dieser Versammlungen. Jeder Verstand wird da durch einen Unverstand aufgehoben, jede Kraft von einer Gegenkraft verzehrt, jede Bewegung durch eine antagonistische gehemmt; und in unnützen Deliberationen zerfließt jede Anstrengung, bleibt jede individuelle Kraft ohne Wirkung. Das Volk spottet dieses Treibens; sein Herz ist ihm längst abgewendet, es hat ihm unwiderruflich den Stab gebrochen, es hat nach eurem Schatten-Christenthum ohne Liebe und ohne Wärme keine Sehnsucht. Alle priesterlichen Künste vermögen nichts mehr gegen die Macht der Natur und ihrer Offenbarung, nichts mehr gegen die Verbreitung jener wahren Erkenntniß Gottes, die nach tausendjährigem Schlummer in priesterlichen Fesseln bei den Völkern von Neuem in ihre Rechte und in den Kreis des Bewußtseyns tritt und in der einfachen Lehre unsers Heilandes ihre Stütze findet. Keine Synode hält es auf und kein Congreß. Dem Verfall des falschen Christenthums, das die Pfaffen gemacht haben, dem stemmt sich alle Gewalt und alle List vergeblich entgegen. – Ja! der Gottesglaube, von dem jeder Grashalm predigt – dieser ächte Glaube, den die Priesterwelt zum dürren Genist gemacht hat, – Er muß wieder grünen und frische Zweige auswerfen und eine neue Krone gen Himmel treiben, in der sich Tugend und Glückseligkeit ihre Nester bauen. So muß es werden – und so wahr, wie Gott geoffenbart ist in seiner Welt, so wird es werden; – aufhören wird endlich das Welken und Dürren in unsern heiligsten Gefühlen! – Wenn das geschieht, dann wird vielleicht grüner Epheu meine Urne umranken – aber ihr Jüngern, ihr mögt es erleben! –
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1844, Seite 255. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_11._Band_1844.djvu/263&oldid=- (Version vom 22.3.2026)