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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band | |
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Ein Bild aus der Alpenwelt! –
Nirgends wird die Kunst so zum Stümper, als wenn sie der Natur in ihrer einfachen Größe begegnet. Ihre Aufgabe ist überall leicht, wo Putz und bunter Flitter ihre Palette beschäftigen und die Koketterie der Formen ihrem Stift zu thun gibt. Es ist nicht schwer, Bilder zu schaffen voller Draperie und Maske, hinter welcher keine Verkörperung, kein Mienenspiel, kein Dollmetsch großer Affekte, kein Verräther gewaltiger Schöpfungsthätigkeit sichtbar ist und noch leichter wird es gelingen, Genre-Bildchen zu malen, Bildchen, wie sie die Natur aufgestellt hat überall, und zum Copiren gleichsam schon in Rahmen hängen. Versteigt sich aber der wahre Künstler in die Regionen der Hochalpenwelt zu den Zeugen des ersten Akts der Schöpfung, in jenes starre, stille Reich der ewigen Kälte, wo keine bunte Szenerie die Sinne fesselt und nur flüchtige, ätherische Nebelgestalten um die glänzenden Eishörner und grauen Felszacken huschen, – vernichtet wird er dastehen und sein Vorsatz, da droben ein Bild zu malen, wird ihm vorkommen, wie ein kindischer Einfall, oder wie eine Lästerung Gottes. – Nur der Stümper – der wird auch da keck und ungerührt nach seinem Farbkasten greifen – und gewiß ein Stümper ist es gewesen, der das Skizzenbuch für unser Bildchen aufschlug.
An der östlichen Seite vom Gebirgsknoten des Sankt Gotthardt, an dessen Abhang nach Graubündten zu, hinter dem Muschelhorn, wo ungeheuere Eismassen um die Füße unersteiglicher Firnen lagern, prangt der Rheinwaldgletscher – 4548 Fuß hoch. Geborsten und zerklüftet nach allen Richtungen rinnt, quillt und rieselt aus seinen tausend Sprüngen und Ritzen, wie aus geöffneten Adern, krystallhelles Wasser hervor und stürzt sich in kleinen Kaskaden hinab zur Tiefe. Dort unten, zwischen umherliegenden Felsblöcken, sammelt es sich zu einem schäumenden Bach, der rasch durch immergrüne Matten den Thälern des Graubündtner Landes zueilt. Dieß ist die Wiege des Hinterrheins, eine Wiege überaus herrlich und des Stromes würdig, an dem die Freiheit ihre ältesten Wohnsitze gebaut hat. Dreizehn hohe, stäubende Wasserfälle, in denen das Licht sich in allen Farben bricht, steigen von den Firnen zu seinem Bette nieder und einigen ihre Fluthen jubelnd mit den seinigen. Wie ein
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1844, Seite 256. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_11._Band_1844.djvu/264&oldid=- (Version vom 22.3.2026)