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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band | |
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junger Herkules zerdrückt er hier schon seine Schlangen, indem er hemmende Felsblöcke wegräumt, hausdicke Eisschollen durchbohrt und unter weit überhängenden Steinwänden weg sich den Pfad zum herrlichen Rheinwaldthal hinab wühlt, wo er mit den Zwillingsbrüdern, dem Vorder- und Mittel-Rhein, seine Vereinigung feiert. Der junge Rhein ist eines freien Volkes rechtes Abbild. Bei jedem Widerstande, den er in seinem Laufe erfährt, braucht er seine Kraft, reißt das Pfahlwerk aus seinen Ufern, untergräbt die Dämme und führt ganze Strecken fruchtbaren Wiesenlandes mit fort. Jedes Jahr erneuert sich zwar das Streben, den Strom in Fesseln zu legen; – große Felsblöcke werden an sein Ufer gewälzt, spitzige Balken 20 bis 30 Fuß tief eingeschlagen und durch starkes Flechtwerk verbunden, mitten in dem Strome Kopfwehren aufgerichtet, seine Gewässer zu trennen und, getrennt, zu zwingen; aber jedes Jahr reißt er seine Fesseln in Stücken. Und wie er, so sind die Menschen, die ihm anwohnen. Sie hüten ihre Rechte mit Argusaugen. In keiner Gegend der Schweiz findet die Freiheit entschlossenere Männer, in keiner auch hat der freie Mann ein so passendes Gepräge. Sein offner Blick kommt aus dem offnen Herzen. Zu stolz, sich zu verstellen, und zu muthig, seine Gefühle zu verbergen, spricht jede Muskel seinen Gedanken mit aus, und er mag lieben oder hassen, spielen oder lachen – so lieben und lachen, hassen und zürnen Arm und Wange, Hand und Fuß mit. In seiner Hütte jubelt die Freude froher als in Palästen, sie sitzt Bettlern im Gesicht. Ungebeugt trägt selbst die Armuth den Nacken, denn hoch stützt ihn die Freiheit. Diese lebt bewußtvoll im Volke und mit Würde tagt sie auf den Landgemeinden, obschon sie oft barfuß geht und in schlechtem, leinenen Kittel. Da spricht sie und rathet, da ordnet sie und herrscht und straft – und alles das, ohne einen Pfennig dafür zu fordern: denn in Graubündten ist die Obrigkeit ein Amt der Ehre und nicht ein Amt des Geldes, und als das Produkt des Vertrauens der frei wählenden Bürger gilt sie den Besten als eine Zierde.
Nicht ein Wohnsitz blos, auch eine Wiege der Freiheit ist das Quellland des Rheins. Vor ein halbtausend Jahren stiegen die Hirten der Alp, welche der junge Strom netzt, hinab in die weitern Thalgelände und schwuren mit den Männern Ober-Rhätiens den grauen Bund. Barone, Grafen, Edle, Aebte und Bischöfe nisteten in den Gebirgsthälern und übten rohe Gewalt und frechen Raub an den alten Gerechtsamen und der alten Freiheit des Volks, und kränkten es durch unerträgliche Hoffart. „Ein Mensch ist von der Natur und von Gott so viel wie der andere“ stand geschrieben in ihrer Urfehde, und des Zustands Widerspruch mit dieser einfachen Wahrheit konnten die festen Seelen nicht gewöhnen. Drum thaten sich entschlossene Männer zusammen, erschlugen ihre Vögte und Freiherren, vertrieben die Aebte und verbrannten die Klöster und Burgen. So sind die Graubündtner damals frei geworden, wie ihre Väter es vordem gewesen, und so hat der graue Bund sein Grütli so gut, wie die Eidgenossenschaft der drei Urkantone.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1844, Seite 259. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_11._Band_1844.djvu/267&oldid=- (Version vom 22.3.2026)