Seite:Meyers Universum 11. Band 1844.djvu/55

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Beobachter, der nach 11 Uhr Abends die kleinen, verrufenen Gäßchen zu betreten wagt, flieht vor solchem Lärm.

Und diese Höhlen sind’s, welche die Morgue zumeist mit todten Körpern versorgen, die daselbst, mit der Angabe ihres Fundorts versehen, auf langen Tafeln ausgestreckt, hingelegt werden. Es sind Zeichen Unbekannter, welche man aus der Seine fischt und in den Gossen und Kloaken der Stadt aufliest; die Körper von Menschen, welche Laster, Elend, oder Verzweiflung, oder der Mörderdolch aus der Welt geschafft und auf die Straße geworfen haben. – Welche Szenen des Wiedererkennens mögen hier vorgehen! – Zu graß zur Beschreibung, werfe ich einen Schleier über sie – und sage: genug!




CCCCLXXIX. Das Reussthal.




In den Alpen drängen sich die Abwechselungen der Natur oft in einem Raume von wenigen Stunden schroff zusammen. Aus lieblichen Hirtengegenden in eine fürchterliche Wildniß geführt, staunt der Wanderer und denkt der Ursachen so großer Veränderung nach. Noch zittert Schauer durch seine Glieder und seine Einbildung ist von den Bildern des Schreckens auf das Höchste gespannt: – da, auf einmal, wandelt sich die Szene von Neuem; er glaubt aus einem Traume zu erwachen, oder als seliger Schatten aus dem finstern Tartarus einzugehen in des Elysiums lichte Gefilde.

So schnelle und angenehme Ueberraschung wird dem Reisenden in der Schweiz, welcher zum ersten Male aus den Schöllenen in’s Ursenerthal kömmt. Die grauenvolle Oede, die ihn dort umgab, ist urplötzlich verschwunden; die lieblichste Landschaft lacht ihm entgegen. Die tobende Szene stürzender Gewässer hat sich in Stille verwandelt und das vom chaotischen Wirrwar übereinander geworfener Felsen und gespaltener Berge ermüdete Auge ruht auf dem erquicklichen Grün des dichten Grasteppichs, welcher das ganze Thal und dessen