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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band | |
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oder Glaubens er auch sey, erwartet im Hospiz herzliches Willkommen und ungefragt und unerbeten für sich und seine Thiere Erquickung. Man erheischt, man erwartet keine Bezahlung; Tausende bieten auch keine; indem aber der Reiche oft das Zehnfache bezahlt, steuert er dadurch zu dem edlen Zwecke und wird er selbst der Wohlthäter der Armen. Diese größeren Geschenke machen es erklärlich, wie jene frommen Menschen seit Jahrhunderten immer mit vollen Händen haben spenden können, ohne zuverlässige Einkünfte zu besitzen, oder eine dauernde Unterstützung vom Staate zu beziehen.
Die Mönche sind Deutsche, Italiener, Franzosen; es sind keine Kaputzenleute gewöhnlichen Schlags, die Indolenz und Unwissenheit unter der Kutte verbergen; sondern wissenschaftlich gebildete Priester, welche sich in mehren europäischen Sprachen unterhalten können. Die kleine Congregation besitzt eine Bibliothek und naturhistorische Sammlungen, die besonders an alpinischen Erzeugnissen reich ist; ja sie steht mit mehren wissenschaftlichen Instituten Europa’s in regelmäßigem Verkehr. Literaturzeitungen und Journale finden ihren Weg in diese unwirthbare Höhe und gelehrte Forschung hat hier noch eine Stätte. Bei dem täglichen Umgang der Mönche mit Menschen aus allen Völkern und Ständen (der Paß über den großen Bernhard wird jährlich von 20,000 Reisenden besucht!) kann ihnen auch äußere Bildung nicht fehlen, und ihr Stand, noch mehr aber die Größe ihres Berufs, gesellen zu der Feinheit der Manieren den Ausdruck der Würde. Dem gemeinen Treiben der Welt und des Lebens fremd, fern von allen egoistischen Bestrebungen, haben sie nur für die allgemeinen und höhern Interessen der Menschheit Theilnahme, und kein Parteiwesen trübt ihr klares Urtheil.
Nahe am Hospiz ist ein kleiner See, welcher zuweilen gar nicht, nie aber vor Mitte Augusts aufthaut und gemeiniglich gegen den 1ten September wieder zufriert. Diesen 14tägigen Sommer haben die Klosterleute doch für die Kultur eines Gärtchens zu benutzen versucht, welches sie auf der Südseite des Hauptgebäudes anlegten und durch Mauern vor dem rauhen Athem ber Winde schützten. In Mistbeeten, welche sie unausgesetzt mit Glasfenstern bedeckt halten und des Nachts sorgfältig mit doppelten, dicken Matten schirmen, ziehen sie in glücklichen Jahren Radischen und Kresse.
Die hauswirthschaftliche Einrichtung des Klosters ist musterhaft und, obschon sie weiblicher Hülfe entbehrt, ein Bild der Reinlichkeit und Ordnung. Das Refektorium, groß und geräumig, ist mit hübschen Gemälden und Büsten, den Erinnerungsgeschenken von Reisenden, geziert, so wie auch die kleine, aber freundliche Kirche, in der die Priester den täglichen Gottesdienst abwechselnd verrichten, des Bilderschmucks nicht entbehrt. Das Todtenhaus ist ein abgesondertes Gebäude und in seiner Art einzig. In der weiten Halle desselben werden die Leichen aller in den Schneestürmen und durch die Lawinen Umgekommenen und Aufgefundenen so lange ausgestellt, als es der Raum gestattet. Auf schwarzbehängten niedrigen Tafeln liegen sie da in ihren schneeweißen Gewändern wie schlummernde
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1844, Seite 64. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_11._Band_1844.djvu/72&oldid=- (Version vom 17.1.2026)