Seite:Meyers Universum 12. Band 1847.djvu/101
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
|
|
Verdienste um das Staatswohl. Und als ob dies nicht Hohn genug sey, stellte man den wegen irgend einer Ehrenthat, oder wegen nützlichen Wirkens, oder wegen langer treuer Dienste Dekorirten nicht nur die Schranzen und Figuranten des Hofs vor, die, in ihrer „Dienstwonne“ schwimmend, wie Hechte nach dem Fraß, nach einem Sterne oder Großkreuze schnappten, sondern ihnen auch geborene Ordensleute gegenüber. Jener Paragraph der Ordensstatuten, welcher alle Mitglieder regierender Geschlechter zu geborenen Inhabern der höchsten Orden erklärt, hat den Völkern die Behauptung in’s Gesicht geschleudert, daß es schon ein Verdienst sey, als Fürst zur Welt zu kommen! Noch mehr aber als diese Albernheit griff das Ordenswesen verderblich in das Volksleben durch die Eintheilung der Ordenszeichen in Rangklassen ein. So lange die Orden nur eine Klasse hatten, war man bei der Wahl der Ritter auf gewisse Kreise der Gesellschaft und auf eine geringere Zahl beschränkt; das Leben der mittleren und unterm Stände blieb unberührt von jener Pest der Eitelkeit, man stand sich im Volke noch einander gleich, wenigstens näher. Durch die Parcellirung der wie Pilze aus dem Boden emporschießenden Orden aber hatte man den Weg gefunden, die Einzelnen bis zur untersten Volksstufe herab an den langen Ordensstrick festzubinden, die Zahl der Ordensmitglieder nach Belieben zu vermehren, durch dieselben, als gute Leiter, die faule Hofluft in immer weitere Kreise zu bringen und vor Allem durch die Ordensrangklassen auch der bürgerlichen Welt eine ihr bis dahin fremd gebliebene Klassificirung aufzudrängen, welche das höchste Mannesgut, die Bürgerehre und Selbständigkeit, den stolzen Trotz gegen jede anmaßende Gewalt, zerfressen mußte. Schon vor Jahren sagte ein freisinniger Mann: „In Folge dieses Systems haben die Staatsregierungen eine neue mächtige Gewalt in die Hände bekommen, ohne besonderen Aufwand von Kapital (für welchen ohnedies die Staatskasse einstehen muß) und dabei noch auf eben so öffentliche als verbindliche Weise die Menschen um ihr (der Staatsregierung) Interesse zu versammeln oder doch deren allzuherbes Auflehnen dagegen zu neutralisiren, geleistete Dienste zu belohnen, zu leistende belohnen zu können und selbst Männern, denen man mehr moralische Kraft zutraut, durch Uebergehen etwas Unangenehmes zu erzeigen.“ In diesem Sinne ward bis zur Stunde die Ordenswirthschaft geführt. – Fürstendienste wurden mit Orden, Volksdienste mit dem Zuchthaus belohnt. Männern, die das Volksvertrauen begleitete, zeigte man aus der Ferne den blinkenden Stern der Hofgunst so lange, bis sie, geblendet, dem Volk entwichen und dem lockenden Winken folgten, oder bis sie entrüstet der schmeichelnden Gewalt den Rücken kehrten, um fortan ein Leben des Drucks und der Verfolgung zu beginnen. Die Theilung der Ordenszeichen wurde bis ins Lächerliche, ins Kindische getrieben, man schuf Klassen mit dem Band und ohne Band und mit der Schleife und ohne Schleife und bezeichnete genau die Klassen, wie die Nummern auf den Halsbändern der Jagdhunde; man hielt auch bei diesen Gnadenbeweisen den Unterschied zwischen der Canaille und dem Vollblut fest und bestimmte an der Ehrenscala genau die Punkte, bis zu
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 93. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/101&oldid=- (Version vom 30.3.2025)